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Foto: Martin Parr
New Brighton, Merseyside, aus „The Last Resort“, 1983–86
Foto: Martin Parr

New Brighton, Merseyside, aus „The Last Resort“, 1983–86

 
Leben 17. April 2009

„Wenn es Sonnenschutz gab, dann nur für den Hund“

Vortrag der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Martina Pippal: „Das Verhältnis der Menschen zur Sonne im Spiegel der Kunst“.

Knackige Bräune – sie gilt als ein Zeichen von Gesundheit und Schönheit. Noch, vielleicht aber nicht mehr lange. Denn inzwischen wissen wir um die Gefahren der UV-Strahlung. Und lange Zeit galt Blässe ohnehin als Schönheitsideal.

 

Der Winter ist vorbei, nun zeigt sich (endlich) die Sonne wieder. Und spätestens im Sommer wird es wieder soweit sein: Mit gesunder Bräune stellen wir Schönheit und Lebensfrische zur Schau. Und erbringen solcherart auch den Beweis, dass wir über ausreichend freie Zeit verfügen und uns einen teuren Urlaub im Süden leisten können.

Gesunde Bräune? Bis vor wenigen Jahren hätte sich noch niemand an diesem Ausdruck gestoßen. Anämische Blässe galt als eindeutiges Zeichen von Krankheit, und dagegen wurden frische Luft und längere Aufenthalte im Freien empfohlen. Bei Thomas Mann können wir nachlesen, wie sein Stubenhocker Aschenbach mit den ersten „Höhensonnen“, UV-Lampen fürs Bräunen, wieder zu Kraft zu kommen suchte. Zu jener Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde die Kraft der Sonne als ein wirksames und natürliches Mittel gegen Tuberkulose und Rachitis entdeckt. „Von den Boudoirs auf die Boulevards“, so lautete eine Losung der damals aufkommenden Reformbewegung, in der sich Naturapostel und Weltverbesserer tummelten.

Nicht dass diese Empfehlungen inzwischen völlig überholt wären, aber heute kennen wir auch die Kehrseite der Sonnenstrahlung. Insbesondere UV-A führt zur Elastose, der Überalterung der Haut, in weiterer Folge droht Hautkrebs, eine Erkrankung, die in unserer Zeit dramatisch zunimmt. Vielleicht wäre es das Beste, unser derzeitiges Schönheitsideal noch einmal zu überdenken, ein Schönheitsideal, das ohnehin erst seit rund 100 Jahren besteht.

Noble Blässe

Vorher galt (noble) Blässe, nicht knackige Bräune, als Zeichen edler Schönheit. „Die Beziehung zwischen dem Menschen und der Sonne, die unser Leben heute bestimmt, ist sehr jung“, betonte Prof. Dr. Martina Pippal, Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, vor kurzem in ihrem Vortrag „Das Verhältnis des Menschen zur Sonne im Spiegel der Kunst“, den sie bei der Pressekonferenz eines Sonnenpflege-Unternehmens hielt – Werbung muss eben nicht immer ausgetretene Pfade gehen.

Je blasser, desto schöner, das galt über Jahrhunderte. Marmorn bleich war die Ägypterin zur Zeit der Pharaonen. Die biblische Salome konnte ihren geliebten Propheten Johannes noch in den hellsten Tönen anhimmeln: „Dein Leib ist weiß wie der Schnee auf den Bergen Judäjas.“ Im alten Rom gab sich Ovid vornehmlich mit „schneeweißem Fleisch“ ab. Und Shakespeares Othello war hingerissen vom Alabasterleib der Desdemona.

Pippal: „Während heute ein gebräunter Teint bezeugt, dass der/die Sonnengebräunte über das Luxusgut ,Freizeit‘ verfügt und diese etwa beim Schifahren oder badend auf fernen Stränden zu verbringen pekuniär in der Lage ist, war es für die Aristokratie der vorindustriellen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit, die Haut vor der Sonne zu schützen, da nur ein weißer Teint bewies, dass man mit der am Feld und im Wald zu leistenden Arbeit nicht in Berührung gekommen war.“ Zeugnisse liefert die Kunstgeschichte.

Dame mit Schirmchen

Unvermeidliches Requisit der feinen Dame im Freien war der Sonnenschirm, davon zeugen alte Gemälde. „Zu den schönsten Bildnissen weißgepuderter Aristokraten und Aristokratinnen zählen jene der italienischen Patellmalerin Rosaba Carriera (1675-1757)“, so Pippal. Dass Menschen gerne im Freien sind, ja, die Sonnenstrahlen regelrecht genießen, das ist ein Motiv, das in der Kunstproduktion erst in jüngerer Zeit aufkam. Die Künstler reagierten damit auf den gesellschaftlichen Wertewandel. Pippal: „Hierzulande junktimierte der Tiroler Alfons Walde in den 1930er Jahren Sonne mit Wintersport, konkret mit Schifahren und Schitouren in den Tiroler Bergen.“

Sonnenschutz war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch kein Thema, wie Pippal betonte: „Man setzte sich der Sonne ohne Wenn und Aber aus. Wenn es Sonnenschutz gab, dann für den Hund, wie 1940 der französische Fotograf Jacques-Henry Lartigue dokumentierte. Verhüllende und verdeckende Textilien oder Hüte fungierten bis in die 1980er Jahre primär als künstlerisches Mittel, z.B. bei Louise Dahl-Wolfe (USA) oder Albert Watson (GB) 1988.“

Es war auch die künstlerische Fotografie, die den Antagonismus von Sonne und Schatten respektive Halbschatten ins Zentrum ihres Schaffens rückte, so Pippal: „Den Fotos, die in der prallen Sonne ,bratende‘ Menschen am Strand zeigen, stellt Joel Meyerowitz solche gegenüber, die den Rückzug in den (Halb-) Schatten thematisieren.“

Möglich, dass die heutigen Kunstwerke für nachfolgende Generationen auch einmal dokumentarischen Wert besitzen werden: „Schaut, so haben sich die Menschen früher völlig ungeschützt in die Sonne gelegt“, werden sie vielleicht ausrufen und darüber genauso erstaunt sein, wie wir es heute sind, wenn wir jene Bilder betrachten, auf denen die feinen Damen mit einem Sonnenschirmchen durch den Park spazieren.

 

Das Foto oben ist dem im Phaidon Verlag erschienen Band „Martin Parr“ entnommen. Es zeigt 600 Arbeiten des englischen Fotokünstlers. Die messerscharfe Beobachtung, der Witz und die besondere Farbigkeit haben ihn zu einem der erfolgreichsten zeitgenössischen Fotografen und zu einem führenden Mitglied der renommierten Agentur Magnum werden lassen.

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