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Fotos (3): Technisches Museum Wien
Schutzbrillen um 1900.

Zeitkontrolluhr mit Kartenhalter (Fa. Benzing), um 1920 – 1935, Villingen-Schwenningen (D).

Arzttasche für Hausbesuche, 2. Hälfte 20. Jahrhundert.

 
Leben 14. Dezember 2011

Von der Neurasthenie zum Burn-out

Sonderausstellung im Technischen Museum Wien.

Im Idealfall ist der Beruf Berufung. Doch oft genug macht die Arbeit nur krank. Das zeigt, unter anderem, die aktuelle Ausstellung des Technischen Museums Wien In Arbeit.

 

Es hat geradezu etwas Vertracktes. Wer Arbeit hat, ist potenziell gesundheitsgefährdet, denn es drohen Mobbing und Burn-out, um zwei populäre Krankheitsbilder anzuführen. Wer keine Arbeit hat, ist hingegen kein bisschen besser dran. Er neigt zu Depressionen und einem Gefühl der Minderwertigkeit, aus dem einfachen Grund, weil sich der Mensch hierzulande weitgehend darüber definiert, welchen Beruf er ausübt. Macht er nichts, ist er auch nichts wert. So sieht es der Betroffene oft selbst. Oder besser: er denkt, dass die anderen es respektive ihn so sehen.

In Arbeit heißt die aktuelle Sonderausstellung des Technischen Museums Wien. Ein gewaltiges und auch gewagtes Unternehmen, da das Thema schier unendlich viele Facetten aufweist. Das Kuratorenteam unter Leitung von Hubert Weitensfelder hat sich dafür entschieden, einen möglichst umfassenden Überblick zu bieten (und zusätzlich noch einen Kinderteil). 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind nicht wenig, und doch erfordert die Vielzahl der Aspekte, die zur Sprache kommen, eine pointierte Zuspitzung. Ausstellungsgestalter Peter Karlhuber hat Podeste aus Industriepaletten gebaut, und die Fläche einer solchen Standardpalette steht zur Abhandlung eines Themenbereichs zur Verfügung.

Die Ausstellung legt nicht zuletzt den Fokus auf den Gesundheitsbereich, dem naturgemäß unser Interesse gilt. „Im Westen sind die sogenannten Perlen aus dem Osten längst unentbehrlich geworden“, heißt es da etwa auf einer Wandtafel. Gemeint sind die slowakischen und ukrainischen Pflegerinnen, die sich hierzulande um die bedürftigen Alten kümmern. Ohne diese Hilfe aus dem Ausland wäre unser Pflegebereich wohl schon längst zusammengebrochen.

Welcher Arbeitsplatz fordert von den Menschen buchstäblich alles? Antwort der Ausstellungsmacher: der Intensivpflegebereich. Nachtarbeit, große Verantwortung und hochkomplexe Arbeitsabläufe kommen hier zusammen. Da darf es nicht verwundern, dass kaum ein Mensch länger als zehn Jahre an diesem Spital- Arbeitsplatz bleibt. Man sollte denken, dass diese Arbeit angesichts der großen Belastung zu den bestbezahlten gehört. Das Gegenteil trifft zu: Sie ist ausgesprochen schlecht bezahlt. So wie vor 100 Jahren die Arbeit der Telefonistinnen. Immer unter Druck, immer im Stress. Bei diesen Arbeiterinnen zeigte sich eine Krankheit, die zum Signum der Jahrhundertwende werden sollte: die Neurasthenie oder Hysterie. Sie war in etwa das, was heute Burn-out ist. Ein Indikator für die gesellschaftlichen Verhältnisse – und daneben auch eine Modekrankheit.

 

Technisches Museum: „In Arbeit“, Ausstellung, Mariahilfer Str. 212, 1140 Wien

Von W. Müller , Ärzte Woche 50 /2011

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