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Glücksmedizin – Was wirklich wirkt
Werner Bartens 320 Seiten, € 19,99 Droemer Verlag, 2011 ISBN 978-3426275177

Foto: Regina Schmeken

Dr. med. Werner Bartens

 
Leben 25. Dezember 2011

„Wer vorbeugt, kann sich nie zurücklehnen“

Werner Bartens jüngstes Werk: Glücksmedizin.

Werner Bartens feiert mit seinen Medizinbüchern Bestseller-Erfolge. Was schreibt er, was andere nicht schreiben? Was macht er so viel besser? Versuch einer Erklärung.

Wie schafft er das nur alles?, fragt man sich. Werner Bartens, Mediziner und Journalist, ist Wissenschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung und daneben häufig Gast in Fernseh-Talkshows, in denen es hauptsächlich um Fragen der Gesundheit geht. Damit nicht genug, er veröffentlicht auch noch ein Buch nach dem anderen, wieder hauptsächlich zu medizinischen Themen. Sein voriges Werk Körperglück. Wie gute Gefühle gesund machen schaffte es auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. Ein ähnlicher Erfolg wird wohl auch wieder seiner jüngsten Veröffentlichung Glücksmedizin (Droemer Verlag) beschieden sein.

Was haben diese Werke, was andere nicht haben? Wieso werden Bartens Bücher massenhaft gekauft?

Ein Grund liegt gewiss in der Seriosität und Glaubwürdigkeit des Autors, die allein schon durch seine Tätigkeit bei der Süddeutschen Zeitung gegeben ist, einer Qualitätszeitung, die für Objektivität und Unabhängigkeit steht – und nicht zuletzt auch für Unerschrockenheit gegenüber mächtigen oder auch nur scheinbar mächtigen Institutionen.

Hinzu kommt: Bartens hat ein Anliegen, er hat etwas zu sagen. Wie schon in seinen früheren Werken, so wendet er sich auch nun wieder gegen ein bestimmtes Medizin- oder besser: Menschenverständnis, nämlich jenes, das sich weitgehend in der Auswertung von Zahlen, Laborwerten und anderen Messparametern erschöpft. Nach diesem Verständnis ist ein Mensch dann krank, wenn seine Werte nicht im Normbereich sind. Und er lebt dann gesund, wenn er soundsoviel Minuten am Tag Bewegung macht und der Fettanteil seiner Nahrung nicht soundsoviel Gramm oder Milligramm übersteigt.

Mechanistisches Modell

Eine solch mechanistische Sicht, schreibt Bartens, reduziere den Menschen auf einen einzigen Aspekt – und werde ihm daher in all seiner Fülle und Individualität überhaupt nicht gerecht: „In der Medizin geht es nicht allein um die physikalisch oder biochemisch fassbaren Körpervorgänge, sondern um mehr. Das Messbare, etwa ein Laborwert, ist nicht ein Wert an sich. Er muss angemessen sein für den Patienten und übereinstimmen mit dem Erleben des Einzelnen. Manche Menschen werden mit stark erhöhten Cholesterinwerten neunzig Jahre alt, weil sie zufrieden, gelassen und ausgeglichen sind und ihr Körper genügend Schutzfunktionen entwickelt hat, sodass die vermehrten Blutfette ihnen nicht schaden.“

Bartens macht das einmal mehr an einem Beispiel deutlich: Mag der Braten auch viel zu fett und der Weinkonsum schlicht maßlos sein, das gemeinsame Essen mit Freunden könne trotzdem einen gesundheitsfördernden Effekt haben, aus dem einfachen Grund, weil der Mensch ein soziales Wesen ist und aus dem Beisammensein mit anderen Freude (und Gesundheit) zieht. „Es ist wichtiger, welchen Stellenwert als welchen Nährwert das Essen hat“, betont der Mediziner. „In vielen Kliniken wird verfetteten, vereinsamten Menschen mit verkalkten Gefäßen stereotyp mediterrane Ernährung empfohlen. Wer sich jeden Tag missmutig ein paar Löffel kaltgepresstes Olivenöl einflößt, der wird davon gewiss keinen gesundheitlichen Nutzen haben. Besser würde auf dem ärztlichen Rezept stehen: ,Laden Sie ein paar Freunde zu Schweinsbraten, Nudelauflauf oder Eintopf zu sich nach Hause ein.‘“

Schönheitsfehler

Auf eine kurze Formel gebracht: Bartens ermuntert die Leser dazu, sich öfters auf ihren gesunden Hausverstand zu verlassen, und das heißt, öfters auf sich, mithin ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse, zu hören. Um auf diese Weise zu einem möglichst entspannten, sprich: gesunden Zustand zu finden. Denn: „Wer ständig vorbeugt, kann sich nie zurücklehnen.“

Alles richtig und gut nachvollziehbar, doch einen gravierenden Schönheitsfehler hat Bartens neues Buch: Im Untertitel heißt es: „Was wirklich hilft“. Das ist zu reißerisch und auch zu anmaßend. Wer lehrt, den gängigen Doktrinen zu misstrauen, darf sich nicht als Oberlehrer aufspielen. Sondern hat demütig einzuräumen, dass das, was er verkündigt, womöglich auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist und im Licht neuer Erkenntnisse unter Umständen revidiert werden muss. Denn: Aussagen, denen eine Allgemeinverbindlichkeit anhaftet, ist, wie wir gerade von Bartens lernen, generell zu misstrauen.

Von W. Müller , Ärzte Woche 49 /2011

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