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Leben 2. Dezember 2011

Gefährlicher Arztbesuch

Die ärztliche Tätigkeit wird harmloser eingeschätzt, als sie ist. Denn die Gefahren für Leib und Seele lauern im Detail.

Die Vorstellungen, die man gemeinhin von den Medizinern und deren Beruf hat, beinhalten strahlend weiße Mäntel, strahlend weiße Zähne und ein mehr oder minder finanziell abgesichertes Leben zwischen kurzen Lebensrettungen und ausgedehnten Spaziergängen am grünen Golfplatz.

Dabei ist das ärztliche Werken alles andere, als eine gemähte Golfwiese. Und die Gefahr, die nach dem Anlegen des weißen Kittels (Internist) oder des grünen Pyjamas (Chirurg) auf den Träger wartet, ist nicht zu unterschätzen. Es sind gar nicht so die augenscheinlichen Gefährdungen, die im Umgang mit kranken Personen und spitzen Gegenständen lauern: Natürlich gibt es die berühmten Nadelstichverletzungen, bei denen man sich unabsichtlich das spitze Teil in den eigenen Körper (oder aus Jux und Übermut in den Körper eines Kollegen) rammt. Und auch die potenzielle Infektionsgefahr beim intensi- ven Wortgefecht mit diesem netten Herren mit der offenen Tuberkulose ist auch nicht zu verachten. Auch lassen nicht nur psychiatrische Patien-ten ihren Zorn freien Lauf, ohne Rücksicht auf Rang und Titel eines weißbekittelten Menschen. Doch die Gefahren lauern auch dort, wo man sie nicht unbedingt vermutet:

Beispiel 1: Ich kann mich noch gut an meine Famulaturzeit auf einer Kardiologie erinnern, bei denen der „Herzalarm“ sicher zum Highlight eines Tages gehörte, da man sich nun endlich im Emergency-Room einer US-amerikanischen Krankenhausserie angekommen wähnte. Damals wurde bereits gewarnt, dass nicht der arme Herzpatient mit zumeist nur einem kleinen Schwächeanfall am stärksten gefährdet war, sondern all jene Kollegen, die mit ihren klobigen Holzpantoffeln bei Ertönen des Herzalarms übermütig über die Stiegen rasten und sich dabei unzählige Bänder zerrten und rissen.

Beispiel 2: Wir scheinen zwar immunologisch ein ganzes Wartezimmer voll mit hochinfektiösen hustenden Patienten wegzustecken und wie der liebe Augustin eine Pestgrube unbeschadet zu überstehen, doch spätestens die von den dankbaren Genesenen geschenkten Pralinen, deren Ablaufdatum bereits einige Dekaden zurückliegt, geben uns den Rest.

Beispiel 3: Wie soll es unser Kreislauf verkraften, wenn sich auf unseren nach Jahren redlich erkämpften Parkplatz im Spitalsgelände ein Besucherauto breit hin parkt und noch die Frechheit besitzt, ein Versehr-ten-Pickerl, einen Aufkleber vom Polizeisportverein oder gar ein „Arzt-im-Dienst“-Schildchen vor die Windschutzscheibe zu knallen? Das führt zu akuten Blutdruckkrisen.

Diese Beispiele zeigen deutlich, dass es (jenseits von Burn-out, Hepatitis C oder schmerzhafte Zervikalsyndromen durch das gebückte Stehen im OP und die gebückte Haltung vor dem Primar) eigentlich die ganz kleinen, alltäglichen Dinge sind, die unsere Gesundheit gefährden. Und damit ist nicht der Golfball am Auge gemeint.

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