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Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 29. November 2011

Nachgefragt: Herr Professor, ist Medizin eine Wissenschaft?

Ich habe auf Einladung einmal bei einem Medizinerkongress einen Vortrag gehalten zum Thema "Medizin – ein Disziplin zwischen Wissenschaft und Kunst". Mit "Wissenschaft" meine ich Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft muss sich auf das Reproduzierbare beschränken. Nur das, was reproduzierbar ist, kann als wissenschaftliches Ergebnis bezeichnet werden.

Nun hat es die Medizin mit Menschen zu tun – und Menschen sind grundsätzlich nicht ersetzbar. Das heißt, reproduzierbar ist der körperliche Anteil, aber der Mensch nicht. Kant hat die Würde des Menschen so definiert: Im Reich der Menschen hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Das, was durch andere ersetzt werden kann, hat einen Preis. Das, was unersetzlich ist vermöge der Einmaligkeit des Individuums, hat Würde.

Vielleicht darf ich das an einem Beispiel verdeutlichen, an der Sexualität. Wenn der Partner bei der Sexualität auswechselbar ist, dann hat das Ganze seinen Preis (den man in einem Männermagazin nachschlagen kann). Wenn der Partner bei genau demselben Vorgang unauswechselbar ist, dann hat das Ganze Würde, weil es ein Ausdruck der Liebe ist.

Nun hat es die Medizin mit Menschen zu tun, deren Würde in ihrer Einmaligkeit besteht. Wenn sich die Medizin auf Naturwissenschaft reduziert, dann verletzt sie die Würde des Menschen. Sie darf aber auch nicht, und das ist wesentlich, die Naturwissenschaft vergessen. Beides gehört berücksichtigt.

Sie muss ständig in diesem Spannungsverhältnis sein zwischen Naturwissenschaft und Kunst – ich sage Kunst, weil das die Disziplin ist, die sich auf das Einmalige konzentriert.

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