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Foto: Barbara Palffy
Christian Spatzek in der Rolle als Sigmund Freud.
 
Leben 29. November 2011

Freud als „Psycherl“

Uraufführung im Wiener 3raum-Anatomietheater.

Sigmund Freud pflegte im Ausseerland Urlaub zu machen. In der Abgeschiedenheit fand er die Ruhe, nach dem Grund seiner Neurosen zu suchen. Aus Freuds Tagebucheintragungen und Schriften hat Thomas Korherr ein Theaterstück gebaut, Freuds Neurosen, das nun in Wien uraufgeführt wurde.

 

Dieser Mensch ist nicht frei von Ängsten und Beklemmungen. Er fürchtet sich vor jeder Zugfahrt, davor, dass die Waggons aus den Gleisen springen. Auch die Abfahrt ist ihm bereits ein Gräuel. Er könnte sie ja verpassen. Also ist er sicherheitshalber immer eine Stunde vorher am Bahnhof. Und da ist außerdem der eigene Tod, den er dauernd vor Augen hat. Fünf, höchstens zehn Jahre hat er noch zu leben, da ist sich der Mittvierziger ganz sicher.

Der eindeutige Fall von Neurosen, wird ein Psychiater diagnostizieren. Das Besondere ist: Diese Neurosen plagten keinen anderen als Sigmund Freud, den Psychiater und Begründer der Psychoanalyse. Freud als „Psycherl“, dieses Bild zeichnet der österreichische Dramatiker Helmut Korherr in seinem neuen Stück Freuds Neurosen, das nun in Wien uraufgeführt wurde, im 3raum-Anatomietheater.

Ein Einpersonenstück. Christian Spatzek spielt die Hauptperson (Regie: Brigitte Swoboda). Die Zuschauer sitzen im vormaligen Vorlesungssaal der Veterinärmedizinischen Universität, der nun ein Theaterraum ist, und hören den Ausführungen des einstigen Wiener Professors zu. Mal begegnet er ihnen tatsächlich wie ein leibhaftiger Professor, etwa, wenn er über die Sublimierung des Sexualtriebs doziert. Dann tritt er wie ein Spaziergänger auf, der zufällig vorbeikommt und aus seinem Leben erzählt. Und dann wiederum vertraut er sich ihnen an wie einem guten Freund und berichtet von seinen geheimen Gefühlen und Wünschen. Das Stück wechselt geschickt zwischen den unterschiedlichen Ebenen.

Der Autor, 1950 in Wien geboren, stützt sich auf Schriften und Tagebucheintragungen von Freud. Und behandelt die Zeitpunkte, da Freud im Ausseerland Urlaub machte, es sind die Jahre 1896 bis 1898, 1905 und 1930. Diese Jahre spielten eine große Rolle in Freuds Schaffen – in Aussee wollte Freud (unter anderem) die Ursachen seiner Neurosen ergründen.

Fast-Affaire mit Schwägerin

Lehrstück und Unterhaltung: Die Aufführung macht uns vertraut mit den Grundpfeilern der Psychoanalyse – und sie zeigt den Menschen hinter der Theorie. So erfahren wir, was ihn so alles bewegt hat. Der Ärger mit den Kollegen. Die Enttäuschung darüber, dass er spät den Professorentitel erhielt. Die Fast-Affäre mit seiner Schwägerin. Die Erinnerung an seinen Vater. Die Sehnsucht nach der Ferne. Der Genuss von Zigarren. Dazu projezieren die Bühnenbildner Ingeborg und Peter Braunsteiner stimmige (und sehr witzige) Comics an die Bühnenwand.

Ein schöner Theaterabend, der mit Musik von Roman Grinberg untermalt wird. Nur schade, dass kleine Produktionen wie diese immer nur kurze Zeit laufen.

Von W. Müller , Ärzte Woche 48 /2011

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