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Foto: Ausstellung
Haft II: Skulptur von Antony Gormley aus der Serie „Constructed Ataxie“.
 
Leben 22. November 2011

Ist unser Gehirn gleich unser Geist?

Ausstellung zu Bildwelten des Geistes aus Kunst und Wissenschaft.

Das Hygiene Museum in Dresden wurde 1912 mit großzügiger Unterstützung des Odol-Fabrikanten Karl August Lingner gegründet. In der ersten Zeit verstand es sich als ein Haus der gezielten Gesundheitsaufklärung, heute definiert es sich als ein „Museum des Menschen“. In seiner jüngsten Sonderausstellung, Images of the mind, die demnächst nach Brünn kommt, in die kooperierende Moravska Galerie, geht es um die grundlegende Frage, was das Wesen des Menschen bestimmt.

 

Wer bin ich? Was macht eine Person als Individuum einzigartig? An welchen Merkmalen kann die Identität eines Menschen festgemacht werden? Eine Frage, die seit jeher Menschen bewegt. Und immer wieder haben Mediziner und Künstler und Philosophen Antworten gegeben, die je nach Zeit und Standpunkt ganz unterschiedlich ausfielen. Eine Geschichte dieser Überzeugungen zeichnet nun die Ausstellung Images of the mind. Bildwelten des Geistes aus Kunst und Wissenschaft nach. Zunächst war sie im Deutschen Hygienemuseum, Dresden, zu sehen, nun kommt sie am 8. Dezember nach Brünn, in die Moravska Galerie (bis 18. März 2012).

Wir sind gewohnt, eine harte Trennlinie zwischen Kunst und Wissenschaft zu ziehen. Doch das war nicht immer so. In der Renaissance drang die Anatomie – zum Teil gegen erheblichen Widerstand der Kirche – immer tiefer ins Innere des Menschen vor. Die Mediziner strebten danach zu erfahren, wie der Mensch aufgebaut ist. Das nämliche Interesse zeigten Künstler. Leonardo da Vinci (1452–1519) übte sich in der anatomischen Zeichnung, seine Darstellungen reichten vom Körperäußeren (wie Kopf und Muskeln) bis zum Körperinneren (wie Hirn und Nervensystem). In den Niederlanden erhielt Rembrandt van Rijn (1606–1669) immer wieder die Aufgabe, die bei öffentlichen anatomischen Vorlesungen von Chirurgen praktizierten Leichensektionen in Ölgemälden festzuhalten.

Die korrekte anatomische und physiognomische Wiedergabe galt zu jener Zeit als Leitbild in den Künsten. Wie nicht anders in der Medizin war Genauigkeit angesagt, ein Anspruch, der inzwischen recht antiquiert erscheint. Heute zählt der individuelle Ausdruck, die subjektive Interpretation. Das markante Detail anstelle des Ganzen.

Diese geänderte Sicht kann zu Großteilen auf Fortschritte in der Wissenschaft zurückgeführt werden. Konkret etwa auf Sigmund Freud, der erstmals so scheinbar beiläufigen Dingen wie Träumen eine große Bedeutung beimaß. Und der auch die Wichtigkeit des Unbewussten für die Individualität eines Menschen betonte. Kurz: Plötzlich waren es Fragmente und Einzelteile, die offenbar von großer Wichtigkeit waren.

Karten des Gehirns

Im Laufe der Zeit änderten sich auch die Apparaturen, die Einblick in unser Inneres gewährten. Bis ins 17. Jahrhundert dominierte die Idee, dass drei mit Flüssigkeit gefüllte Hohlkammern im Gehirn – die sogenannten Ventrikel – den Geist beheimateten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lieferten neuropathologische Forschungsergebnisse, die unter anderem durch elektrische Reizexperimente gewonnen wurden, entscheidende Beweise für die funktionellen Zusammenhänge zwischen bestimmten Gehirnzentren und sensorischen und motorischen Fähigkeiten. Die Wissenschaftler fixierten in topografischen Karten jene Bereiche, die eindeutig abgrenzbare Zentren, beispielsweise für die Sprachfähigkeit, suggerierten.

Und heute? Heute sind wir wieder einen Schritt weiter, wieder vor allem dank neuer technischer Aufzeichnungsmöglichkeiten. Mit der Entwicklung des Elektroenzephalogramms (EEG) 1924 konnte erstmals die elektrische Aktivität im Gehirn gemessen werden. Und die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandene funktionelle Magnetresonanztomographie erlaubte, neuronale Aktivitäten im Gehirn anhand von Veränderungen der Durchblutung in hoher räumlicher Auflösung aufzuzeichnen. Mithilfe dieser Bildgebungsverfahren lösen sich allmählich die alten Lokalisationsideen von einzelnen funktionellen Zentren zugunsten der Vorstellung funktioneller Netzwerke auf.

Uralte Fragen

Wir haben es hier mit einer Wechselwirkung zu tun: Die modernen Geräte liefern uns großteils beeindruckende Bilder – und diese Bilder sind es wiederum, die unser Bild von der Gehirnaktivität prägen. Wir sehen, wie bei Experimenten gewisse Gehirnbereiche stärker durchblutet sind als andere. Doch sehen wir damit auch unserem Geist bei seiner Arbeit zu? Oder meinen wir das nur – und sitzen damit einem Trugschluss auf. Vielleicht erkennen wir nur ein kleines Rädchen in einem viel größeren Getriebe. Im Ausstellungskatalog steht dazu: „Kein Bild, auch nicht das wissenschaftliche, bildet die einzig wahre oder objektive Wirklichkeit ab, jedes Bild formt vielmehr eine Wirklichkeit.“

Damit sind wir wieder bei den uralten Fragen: Ist Geist mit Gehirn gleichzusetzen? Welche Rolle spielt bei so etwas Immateriellem der Körper? Bilden Körper und Geist eine untrennbare Einheit oder existieren sie autark nebeneinander? Haben mentale Fähigkeiten einen festen Sitz im biologischen Gewebe oder muss der Geist eher als Bündel komplexer, funktional differenzierter Prozesse verstanden werden, deren Zusammenspiel zwar an einen materiellen Körper gekoppelt ist, aber mit ihm nicht gleichzusetzen ist? Darauf haben wir bisher keine eindeutige Antwort gefunden, und vielleicht werden wir die auch nie finden.

Von W. Müller , Ärzte Woche 47 /2011

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