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Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 19. November 2011

Nachgefragt: Wie gesund oder ungesund ist Rotwein

Herr Professor, man liest heute in der Zeitung, dass Rotwein gesund ist, morgen, dass er ungesund ist. Wie verlässlich sind solche Studien, die das behaupten?

Da fällt mir zunächst ein, dass eine Wiener Tageszeitung einmal die Meldung brachte, dass glückliche Menschen weniger krank werden. Und daneben eine Kolumne, in der es hieß, endlich habe die Wissenschaft herausgefunden, dass gesunde Menschen weniger krank werden. Ich habe mir das schon immer gedacht, schrieb der Autor, aber vielleicht sei es ganz gut, wenn das die Wissenschaftler nun auch wüssten.

Heißt also: Ein Großteil solcher Studien ist völlig überflüssig, reine Zeit- und Geldverschwendung! Diese Studien weisen bloß Dinge nach, die ohnehin selbstverständlich sind.

In meinem Lehrbuch der Wissenschaftstheorie schreibe ich: Alles, was von einem genügend bedeutenden Theoretiker vorhergesagt wird, wird auch entdeckt werden, unabhängig davon, ob es existiert oder nicht. Das lässt sich aus der Geschichte der Physik und vermutlich auch anderer Naturwissenschaften ableiten: Wenn jemand etwas entdecken will, dann entdeckt er es auch. Einfach aus dem Grund, weil er meint, mit dieser Entdeckung berühmt zu werden.

Allerdings: Die Existenz eines Phänomens wird nicht mit der Entdeckung, sondern mit ihrer Reproduzierbarkeit nachgewiesen. Wenn jemand die Entdeckung einfach reproduziert, dann ist das schön, aber er oder sie wird damit nicht berühmt werden. Wenn er oder sie diese Entdeckung als Fehler entlarvt, dann wird er oder sie nicht berühmt, aber bekannt werden. Da liegt die psychologische Motivation. Erst wenn die Widerlegung nicht gelingt, haben wir die Sicherheit, dass eine Aussage zutrifft.

Mit anderen Worten: Einfache Studien, die nur einmal gemacht werden, haben überhaupt keinen Wert. Sie müssen reproduziert werden – und das wird gröblicherweise vernachlässigt, wie wir gerade in diesen Tagen wieder erleben. Die Meldung geht um die Welt, dass Neutrinos schneller seien als Licht. Es handelt sich dabei bloß um ein vorläufiges experimentelles Ergebnis. Es nun schon an die Öffentlichkeit zu bringen, ist völliger Unfug. Das Ergebnis muss erst überprüft und von anderen reproduziert werden.

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