zur Navigation zum Inhalt
Foto: barbara palffy
Wiener Palais Kabelwerk: Patienten des „Grünen Kreises“ führen Nigel Williams Stück Klassen Feind auf.
 
Leben 15. November 2011

Aus Nichtstun wird Nervosität, aus Nervosität Aggression

Patienten des „Grünen Kreises“ spielen Theater.

1981 erlebte Nigel Williams Stück Klassen Feind an der renommierten Berliner Schaubühne seine deutschsprachige Erstaufführung. Nun, 30 Jahre später, wird es von Suchtkranken in Wien gespielt, im Palais Kabelwerk.

 

Als hätte eine Bombe eingeschlagen. Tische und Stühle stehen kreuz und quer herum, hochkant und kopfüber. Es ist Krieg. Schulkrieg. Sechs Schüler haben sich in ihrer Klasse verbarrikadiert. Kein Lehrer traut sich mehr herein. Und was machen die Schüler nun, auf sich allein gestellt? Sie spielen selber Lehrer. Jeder muss eine Lektion geben, jeder hat seinen Auftritt.

Der englische Autor Nigel Williams schrieb dieses Stück, Klassen Feind“, Ende der 1970er Jahre. 1981 erlebte es in Berlin seine deutschsprachige Erstaufführung, an der renommierten Schaubühne (Regie: Peter Stein). Nun, dreißig Jahre später, wird es in Wien gespielt. Von Suchtkranken, von Patienten der Betreuungseinrichtung „Waldheimat“ des „Grünen Kreises“. Eine Produktion des Wiener Vorstadttheaters im Rahmen der von Kurt Neuhold geleiteten Projektreihe „Kunst im Grünen Kreis“. Regie: Manfred Michalke, der gerne mit sogenannten Außenseitern arbeitet. Zuletzt hatte er etwa mit jugendlichen Straftätern „Leonce und Lena“ (Georg Büchner) und „Gerettet“ (Edward Bond) aufgeführt.

Wer die Berliner Erstaufführung gesehen hat, erinnert sich an ein wahres Feuerwerk. Da stiegen die Schüler auf Tische und Stühle flogen durch die Luft. Die erste Garde der deutschen Schauspielzunft mimte ebenso verlorene wie aggressive Jugendliche. Udo Samel, heute am Burgtheater, spielte etwa den Schüler Wolfgang Volkmann, kurz Vollmond genannt. Das Stück zeigt, wie aus Nichtstun Nervosität wird, aus Nervosität Aggression und aus Aggression Brutalität.

Durchhaltevermögen bewiesen

Die Wiener Aufführung hat im Vergleich zur Berliner längst nicht diese Dynamik, ist deutlich verhaltener. Verständlich, denn hier sind keine Profis am Werk, vielmehr Patienten, die es im wirklichen Leben aus der Bahn geworfen hat. Von ihren Familie meist allein gelassen, suchten sie ihr Heil in Drogen.

Ein großes Problem von Suchtkranken ist, dass sie kaum über längere Zeit an einer Sache dranbleiben können. Aus diesem Grund ist schon als großartiger Erfolg zu werten, dass diese Aufführung überhaupt zustande gekommen ist. Die Proben gingen über immerhin zehn Monate und erforderten von den Darstellern hohes Durchhaltevermögen. Tatsächlich hielten nicht alle durch. Doch die das taten, konnten sich über eine große Leistung freuen und erhielten am Premierenabend herzlichen Applaus.

Von W. Müller , Ärzte Woche 46 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben