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Fotos (4): Wenzel Müller
Hippy Dialectics: Dieses animierte Skulptur der englischen Künstlerin Nathaniel Mellors ist in der zentralen internationalen Ausstellung zu sehen.

Die ägyptische Künstlerin Norma schaffte viel Knete in die Ausstellung. Die Besucher greifen zu und gestalten selbst das Kunstwerk.

Größer als heuer war die Biennale in Venedig nie, vielfältiger auch nicht. Wieder kamen und kommen (noch bis 27. 11.) viele Besucher aus der ganzen Welt.

Eine Installation von Allora&Cadzilla, USA: Ein Panzer liegt auf dem Kopf, die Ketten drehen sich und setzen für eine Läuferin ein Laufband in Bewegung.

 
Leben 9. November 2011

Wie in einer Traumwelt

Besuch der 54. Kunstbiennale in Venedig.

Ende des 19. Jahrhunderts beschloss der Stadtrat von Venedig, alle zwei Jahre eine internationale Kunstausstellung auszurichten. Eine wagemutige Entscheidung mit viel Weitblick. Heute gehört die Biennale zu den großen Attraktionen von Venedig und zieht kunstinteressiertes Publikum aus der ganzen Welt an.

 

Venedig im Herbst: Das bedeutet, dass die Stadt von Touristen weniger frequentiert ist als im Sommer oder zur Karnevalszeit. Und das bedeutet alle zwei Jahre auch Biennale, also einmaligen Kunstgenuss. Wo sonst hat man die Gelegenheit, Kunstwerke aus allen Herren Länder für einige Wochen an einem Ort versammelt zu sehen? Man spaziert durch die Giardini die Castelo, eine der wenigen Grünflächen von Venedig – und macht in dieser Zeit eine Reise um die Welt, um die Kunstwelt. Die Pavillons von Korea und Holland, von Serbien und Österreich liegen nur ein paar Schritte auseinander. Man bewegt sich, losgelöst vom Alltag, wie in einer Traumwelt, von einem Kunstwerk zum nächsten. Jedes Land wartet mit einem eigenen Beitrag auf.

Plötzlich hört der Giardini-Besucher Geratter. Zunächst denkt er an die Laute eines seltenen Tiers. Dann entdeckt er die wahre Ursache: Ein Panzer liegt auf dem Kopf, die Ketten drehen sich und setzen für eine Läuferin ein Laufband in Bewegung. Das Kriegsgerät als Fitnessgerät. Eine Installation von Allora&Calzadilla, USA. Der Griechenland-Pavillon ist dagegen ganz leer, nur Wasser und Licht – diese Installation hat bezeichnenderweise den Titel „Sold out“. Als Kommentar zur aktuellen politischen Situation lässt sich genauso der Beitrag aus Ungarn verstehen: Gezeigt wird ein demoliertes Auto, in rotem Licht. Mit dem Goldenen Löwen wurde der deutsche Pavillon ausgezeichnet, eine Installation von Christoph Schlingensief. Eine posthume Ehrung, der Künstler ist letztes Jahr an Lungenkrebs gestorben.

Die Giardini bilden den Hauptausstellungsort der Biennale. Um ihn zu bewältigen, braucht man einen ganzen Tag. Aber damit ist man noch längst nicht durch. Weitere Beiträge finden sich über die ganze Stadt verteilt, hauptsächlich im einstigen Schiffsbaugelände Arsenal. Größer als heuer war die Biennale nie, vielfältiger auch nicht. Für die Kunsttour heißt es also mehrere Tage einzuplanen. Und zwischendurch immer wieder Pausen einzulegen, denn zu einer Tortur soll sie schließlich nicht werden.

In diesen Herbsttagen kann man in Venedig oft noch draußen sitzen, auf der Piazza, und im Sonnenschein Kaffee trinken. Kein Autolärm, keine emsige Geschäftigkeit, hier gibt der Fußgänger das Tempo vor. Diese wunderbare Ruhe und Friedfertigkeit heißt es auch zu genießen.

Von W. Müller , Ärzte Woche 45 /2011

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