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Leben 25. Oktober 2011

Essigpatscherl und Schneckenschleim

Vergessene Hausmittel feiern eine Renaissance bei unseren Patienten. Selbst in den modernen Leitlinien werden bereits Phytopharmaka empfohlen. Ein vergangener Trend mit Zukunft.

Medikamente haben Nebenwirkungen, sind in Plastik und Metall verpackt, enthalten kaum Nährstoffe und stehen im Verruf, zum Ruin des Gesundheitswesens beizutragen. Was liegt also näher, als auf die Ratschläge unserer Omis und Uromis zurückzugreifen?

Zwar waren deren Vorschläge mit Milch und Honig im Hals, mit Topfen um den Hals oder mit Essig an den Füßen nicht mit randomisierten multizentrischen Doppelblindstudien belegt, aber gewirkt haben sie allemal. Dennoch ist das, was wir heute unter Volksmedizin verstehen, nur mehr ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

Mit der Einführung der allgemeinen Krankenversicherung in den 1960er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ist das gute, alte Hauswissen schlagartig verschwunden. Plötzlich war der Arzt nicht mehr teurer als Omi und hatte den Vorteil, dass er zusätzlich zu den Verordnungen nicht den Kindern und Enkelkindern ein schlechtes Gewissen gemacht hat, weil alle so garstig waren.

Vor dieser Zeit war man nicht allzu zimperlich und hatte für jedes Zipperlein ein passendes Hausmittelchen parat: Da schluckte man mitunter auch lebendige Nacktschnecken bei Magenbeschwerden. Ob dies wirklich half, ist nicht bewiesen. In jedem Fall aber eine Methode, um seinen Garten weitgehend schneckenfrei zu halten (ein paar Gastritis-Patienten im Gemüsebeet des Doktors wirken da Wunder).

Tatsächlich erleben wir heute wieder eine Renaissance von vergessen geglaubten Hausmitteln. So setzen, wie gut informierten Frauenzeitschriften zu entnehmen ist, Prominente heute auf Schneckenschleim gegen die Fältchen.

Salbei und Ringelblume sind also wieder auf dem Vormarsch. Der Mensch ist eben nicht von der Natur zu trennen. Die Sehnsucht nach dem Waldschrat-Dasein, der Wunsch, wieder Jäger und Sammler zu sein, der Jagdtrieb, wenn es darum geht, Schnecken den Garaus zu machen – all dies steckt tief in uns drinnen und verlangt, gehört zu werden.

Der Vorteil dieser Entwicklung: Das Medizinsystem wird sukzessive billiger. Der Nachteil: Die Schnecken werden sukzessive ausgerottet. So könnte der Run auf pflanzliche Heilmittel den Arnika-Preis in die Höhe schnellen lassen. Riesige Ringelblumen-Plantagen werden die Baumwollfelder von heute verdrängen, um alle schmierwütigen Mitteleuropäer zu befriedigen. Als großen Player der nächsten Dekade gelten die Spitzwegerich Unlimited AG und die international Eibischwurzel-Company.

Dafür werden die pharmazeutischen Firmen wieder entfusioniert und ihre Fläschchen mit chemisch gemixten Arzneien in kleinen Boutiquen oder mit Bauchläden verkauft. Sehen wir mal, wohin das Pendel das nächste Mal ausschlägt.

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