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Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 25. Oktober 2011

Nachgefragt

Herr Professor, warum ist unser naturwissenschaftliches Modell nicht so ohne Weiteres auf den Menschen übertragbar?

Ich sage es einmal ganz dramatisch: Weil es den Menschen entwürdigt. Nach Kant liegt die Würde des Menschen gerade in seiner Einmaligkeit und Unauswechselbarkeit. Und die muss übersehen werden, wenn wir unsere Medizin auf diesen Denkrahmen, auf das naturwissenschaftliche Modell, gründen. Ich sage ein Beispiel: Wenn einer in der Früh aufwacht und ihm ist heiß, er schwitzt, dann wird er sich denken: Oje, ich habe Fieber. Aber das genügt nicht. In unserer Kultur muss man alles messen. Also greift er zum Fieberthermometer. Zeigt es 39, 5 Grad Celsius an, ist alles o.k. Wenn es 36, 8 Grad Celsius zeigt, dann wird er, falls er ein zweites Fieberthermometer hat, schauen, ob das Ergebnis reproduzierbar ist. Wenn das andere Thermometer auch 36, 8 Grad Celsius anzeigt, wird er denken: Seltsam, ich dachte, ich habe Fieber, in Wirklichkeit habe ich keines. Da beginnt schon die Entfremdung vom Menschen: Wir konstruieren eine Wirklichkeit, die mit dem unmittelbaren Empfinden des Menschen nichts mehr oder nur noch wenig zu tun hat. Wenn ein Mensch sagt: Ich habe Schmerzen, dann muss das erst objektiviert werden, bevor man etwas dagegen tut. Und das ist, wenn man so will, eine Entwürdigung des Menschen.

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