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Fotos (3): Reinhard Werner, Burgtheater
Dem Richter Adam (M. Maertens) schwant nichts Gutes – zu Recht.

Die Dorfbewohner zu ebener Erde, der Dorfrichter in der Höh.

Wahre Liebe zwischen Eve (Y. Schwertfeger) und Ruprecht (P. Miklusz).

 
Leben 25. Oktober 2011

Feist, durchtrieben, selbstherrlich

Akademietheater: Der zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist.

In diesem Jahr jährt sich der 200. Todestag von Heinrich von Kleist. Im Alter von 44 Jahren erschoss sich der Dichter in Berlin. Am Ende sah Kleist den einzigen Ausweg im Suizid, er, der eines der schönsten Lustspiele geschrieben hat, das das Theater kennt: Der zerbrochene Krug. Dieses Stück ist nun in einer Inszenierung von Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann im Wiener Akademietheater zu sehen.

 

Alt, dick und kahlköpfig, das ist die Standardbesetzung des Richter Adam. Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann geht in seiner jüngsten Inszenierung von Kleists Der zerbrochene Krug einen anderen Weg: den Dorfrichter lässt er von Michael Maertens spielen, einem Schauspieler in mittleren Jahren, schlank und mit Haaren auf dem Kopf, wenn auch nur wenigen. Das Feiste, Durchtriebene und Selbstherrliche ist der Person nicht auf Anhieb anzusehen, doch auch dieser Dorfrichter tut ausschließlich, was ihm gefällt, richtet sich die Welt nach seinen Gunsten ein. Und vielleicht wäre das ewig so weitergegangen, hätte er nicht eines Tages überraschend Besuch von Gerichtsrat Walther (Roland Koch) bekommen, der sich erkundigen möchte, wie das Gericht auf dem Lande arbeitet.

Es ist Gerichtstag. Kläger haben sich eingefunden. Es geht um einen Krug, einen zerbrochenen. Und um noch viel mehr: um die Reputation des Gerichts. Um einen Richter, der zum Angeklagten wird. Sehr schnell erkennt der Zuschauer, dass der Dorfrichter Adam gewaltig Dreck am Stecken hat, und dass er es war, der in der Nacht Eve nachgestiegen ist, wobei besagter Krug in die Brüche gegangen ist.

Verwegene Manöver

Der Zuschauer hat gegenüber den Dorfbewohnern, das heißt Mitwirkenden in dem Stück einen Wissensvorsprung, und darauf gründet sich der Witz dieses Lustspiels: Er kann aus überlegener Position und mit großem Genuss verfolgen, welche verwegenen Manöver und immer aberwitziger werdenden Versuche der Dorfrichter unternimmt, um von seiner eigenen Schuld abzulenken.

Blütenweißer Gerichtssaal

Wie der Schiedsrichter beim Tennisspiel thront der Dorfrichter auf einem Hochsitz. Und der steht auf einem blütenweißen Podest (Bühne: Stéphane Laimé). Der Gerichtssaal als reiner, unbefleckter Raum, umgeben von veritablem Matsch. Die Provinz, das ist das Ungeschlachte, Einfache, Erdige. Wer zum Dorfrichter Adam will, muss sich erst durch den Dreck mühen – und mit der Zeit bekommt der helle Gerichtssaal im wahrsten Sinne immer mehr Flecken, immer mehr Dreck ab.

Das Stück ist ein großer Spaß. Wer möchte, kann in ihm freilich auch einen aktuellen Kommentar zu unserer Skandalrepublik sehen. Der Richter Adam als Spiegelbild jenes Politikertyps, der seine Macht zum eigenen Vorteil (und dem seiner Haberer) missbraucht und dabei auch keinerlei Schuldgefühle erkennen lässt.

In diesem Jahr jährt sich der 200. Todestag des Autors. Heinrich von Kleist beging zusammen mit einer Freundin Suizid. Zuerst erschoss er sie, dann sich. Zurück bleibt das große Rätsel, wie jemand, der es vermochte, eines der schönsten Lustspiele zu schreiben, die das Theater kennt, am Ende so verzweifelt sein konnte, dass er den einzigen Ausweg in der Selbsttötung sah.

Von W. Müller , Ärzte Woche 43 /2011

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