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Foto: Olaf Otto Becker
 
Leben 18. Oktober 2011

Auf zu neuen Ufern

Island war Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Eben noch zu den fünf reichsten Ländern der Welt gehörend, liegt Island nach dem Kollaps der heimischen Banken im Herbst 2008 am Boden. Und orientiert sich nun neu: Weg von der Jagd nach dem schnellen Geld und hin zu neuer Bescheidenheit.

 

Island: ein kleines Land, das viel von sich reden macht. So gerade in den letzten Tagen wieder, der Inselstaat war heuer Gastland der Frankfurter Buchmesse. 2008 kam er aus weniger erfreulichem Grund ins Gerede: Die weltweite Finanzkrise hatte das Land besonders hart getroffen. Eben gehörte es noch zu den fünf reichsten Ländern der Welt, dann erlebte es durch den Kollaps inländischer Banken einen gewaltigen Absturz. Die Landeswährung büßte die Hälfte ihres Werts ein. Und plötzlich mussten Hunderte Menschen aus ihren Häusern ausziehen, weil sie ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten.

Dabei schien das Paradies so nah: Der Finanzplatz Island versprach, dass die Inselbewohner nicht länger für Geld arbeiten müssen, sondern stattdessen das Geld für sie arbeitet. Dieser Traum ist geplatzt. Und nicht wenige Inselbewohner meinen, ihrem Land hätte gar nichts Besseres passieren können. Mit der Krise sind nämlich auch die SUVs, die schweren und viel zu wuchtigen Geländewagen, aus dem Stadt- und Landschaftsbild verschwunden. Die Isländer kehren zu neuer alter Einfachheit zurück. Sie betreiben wieder Fischfang, und glaubt man einem Bericht des Magazins der Süddeutschen Zeitung, erlebt auch der Islandpulli aus der dicken, etwas kratzigen Schafwolle eine Renaissance. Der smarte Banker hat als Leitbild jedenfalls ausgedient. Auch daran zu erkennen, dass die Einwohner der Hauptstadt Reykjavik allen Ernstes einen Komiker und ehemaligen Punkmusiker zu ihrem Bürgermeister wählten – auch dies eine Nachricht, die es über die engen Grenzen des 320.000 Einwohner zählenden Staates geschafft hat. Kein Witz: Die Bürger gaben mehrheitlich Jón Gnarr ihre Stimme, der öffentlich versprochen hatte: „Ich werde alle meine Wahlversprechen brechen.“

Der Wahlkampf war Spaß, nun beginnt der Ernst. Ein Ziel der neuen Stadtregierung lautet: Alle städtischen Busse sollen von Benzin auf Ökostrom umgestellt werden. Man möchte nicht mehr dem schnellen und vielen Geld hinterherjagen, sondern sucht ein Leben, das sich auf Natur und Kultur gründet.

Island ist tatsächlich ein mit landschaftlichen Schönheiten gesegnetes Land. Das zeigt auch der Fotoband Under the Nordic Light von Olaf Otto Becker (Hatje Cantz Verlag). Weite, saftig grüne Landschaften, heiße Quellen und dazu Vulkane, die, wie der Vulkan Eyafjallajökull im letzten Jahr demonstriert hat, mitunter noch ausbrechen. Eine verwunschene, vormoderne Welt. Der deutsche Fotograf zeigt aber auch die Schattenseiten der Insel: Häuser, die nicht fertiggestellt wurden, weil dazu offensichtlich das Geld in der Zwischenzeit ausgegangen ist. Und er zeigt einen Gletscherfluss, der infolge des Baus eines Staudamms zu einem Rinnsal verkommen ist. Spuren des ungeheuerlichen Eingriffs des Menschen. Es sind Schandflecken, zugleich aber auch großartige Aufnahmen. Daher können selbst sie den Betrachter beeindrucken.

 

Olaf O. Becker: Under the Nordic Light, Hatje Cantz Verlag, 2011.

Von W. Müller, Ärzte Woche 42 /2011

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