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Fotos (4):  Nanut/Regal
Das Farbenrad nach Dinshah P. Ghadiali.

Mit einer starken Glühlampe, der Glasplatten mit verschiedenen Farben vorgeschaltet wurden, konnte „heilendes Licht“ hergestellt werden.

Mehrmals angezeigt und inhaftiert: Gha- dialis erkennungsdienstliches Portrait.

Als Firmeninhaber konnte Ghadiali seine konzipierten Apparate zur Farblichttherapie offiziell vermarkten.

 
Leben 12. Oktober 2011

Heilendes Licht oder bunter Unsinn?

Der indische Colonel und seine „Spectro-Chromo-Therapie“.

Wie die Kreuzung eines Zauberkastens mit einem überdimensionierten Video-Beamer imponiert der Apparat mit der Musealnummer 31.759 in der Gerätesammlung des Wiener Narrenturms. Mit Zauberei hat der Wunderapparat des Colonel Dinshah P. Ghadiali (1873–1966) nichts zu tun – eher wohl mit Scharlatanerie.

 

„Farbmagie“ spielte in vielen alten Kulturen in praktisch allen Lebensbereichen eine große Rolle, naturgemäß auch in der Heilkunde. Mit violetten Teppichen und Licht durch violette Tücher versuchten chinesische Ärzte Epilepsie zu heilen. Gelbe Farbe half angeblich gegen Erkrankungen des Gedärms. Die indischen Mediziner wiederum luden Wasser mit farbigem Glas heilkräftig auf. Auch die sieben Chakren, die in der indischen Heiltradition verschiedenen Körperregionen zugeordnet werden, haben unterschiedliche Farben. Im Abendland sprach der römische Schriftsteller Cajus Plinuius Sekundus in seiner Enzyklopädie des gesamten naturkundlichen Wissens erstmals von der Heilkraft der Farben. Für Geheimrat Goethe hatten Farben vor allem eine psychologische Wirkung. In seiner 1810 erschienen Farbenlehre hält er Rot-Töne für „regsam, lebhaft und strebend“, Gelb vermittelte ihm ei-nen „warmen und behaglichen“ Eindruck, Blau dagegen „ein Gefühl der Kälte“. Die Heilkräfte der Farben beschrieb der Amerikaner Edwin D. Babbitt im Jahr 1878 in seinem Buch The Priciples of Light and Color. Das erste „wissenschaftliche“ Farblicht-Therapie-System schuf der Inder Dinshah P. Ghadiali.

Das „Wunderkind“ Dinshah P. Ghadiali

Ghadiali war – nach eigenen Angaben – ein Wunderkind. In einem Alter, wo andere Kinder noch nicht einmal den Windeln entwöhnt sind, ging er bereits in die Schule, mit 13 Jahren studierte er in Bombay nicht nur Physik und Chemie, sondern neben ein paar geisteswissenschaftlichen Fächern auch Medizin. Seine „akademischen“ Titel, mit denen er seine Publikationen veröffentlichte, erinnern in ihrer Fülle an die Heiratsanzeigen oder Partezettel gekrönter Häupter in Europa. Als ersten Titel in der langen Reihe seiner akademischen Grade führte er immer den „MD“ an. An einer medizinischen Hochschule in Amerika hat allerdings niemals ein Mann mit dem Namen Dinshah P. Ghadiali graduiert.

Aber das ist nebensächlich. Seine Erleuchtung – wie seine Doktortitel – bekam das Wunderkind bereits in Indien. Es gelang ihm hier auch – naturgemäß auch dies nach eigenen Angaben – die sensationelle Heilung eines jungen Mädchens mit Colitis. Der junge Mediziner bestrahlte das Mädchen mit dem Licht einer Petroleumlampe, der ein tiefblauer Farbfilter vorgeschaltet war. Zusätzlich gab er ihr Milch aus blauen Flaschen, die vorher dem Sonnenlicht ausgesetzt waren. Innerhalb von drei Tagen war das Mädchen, bei dem bisher alle Therapien versagt hatten, gesundet. Nach diesem Schlüsselerlebnis begann Ghadiali die Wirkung des farbigen Lichtes auf den Menschen akribisch zu erforschen. 1911 wanderte er nach Amerika aus und perfektionierte hier seine Technik und Methode. Bis ins Jahr 1920 forschte er. Dann hatte er seine, aus fünf Filtern mischbaren zwölf Heilfarben für fast alle Krankheiten gefunden und begann seinen Apparat mit einem Handbuch zu vertreiben. Dies war die Geburtsstunde der auch heute noch gebräuchlichen „Original Spectro-Chrom-Farbtherapie“.

Das Gerät in der Sammlung des Narrenturms besteht im Prinzip aus nichts anderem als einer starken Glühlampe, der Glasplatten mit verschiedenen Farben vorgeschaltet werden können. Aus den Kombinationen dieser Filter kann dann nach einer Gebrauchsanleitung „heilendes Licht“ hergestellt werden. So hilft Blau angeblich bei Asthma oder Entzündungen, Rot regeneriert die Leber, Violett ist ein Mittel gegen die Malaria und Scharlachrot wirkt aphrodisierend und fördert auch die Potenz.

Gegen Ärzte und Kritiker seiner Therapie

Man mag sich darüber amüsieren, aber Ghadialis Werbeprospekte waren alles andere als zum Lachen. Ghadiali warnte darin seine Patienten, nicht auf Ärzte oder andere Gegner seiner Therapie zu hören. Man möge diese uralten „von Motten zerfressenen“ Lehren über Bord werfen. Ghadiali: „Wenn etwa Ärzte Diabetes diagnostizierten und empfehlen, Insulin zu spritzen und keinen Zucker zu essen, so möge man sich rasch an sein Beratungsteam wenden.“ Dort erhielten die Patienten dann folgende Information: „Stoppen Sie sofort das Insulin und bestrahlen sie sich mit Gelb systemisch und mit Magenta abwechselnd auf die Bereiche 4 oder 18. Essen Sie reichlich braunen Zucker.“ Ein Kommentar erübrigt sich.

Mehrmals angezeigt

Ghadiali wurde mehrfach angezeigt, weil er Heilung versprach und seine Apparate zu verbrecherisch hohen Preisen verkaufte. Dass seine Farblicht-Methode speziell bei besonders intelligenten Menschen wirkt, war eine seiner überaus schlauen Verkaufsstrategien. Bis 1940 soll Ghadiali über eine Million Dollar mit seinem Wunderapparat verdient haben. Natürlich bekam er bald Schwierigkeiten mit der „American Medical Association“. Es gelang ihm aber, sich als Opfer von geldgierigen, eifersüchtigen Ärzten darzustellen und – schlau, wie er war –sprach er in der Folge nicht mehr von Behandlung und Heilung, sondern nur mehr von Tonisieren und Harmonisierung des Körpers. Wegen unerlaubter „unmoralischer“ Beziehung zu einem jungen Mädchen wanderte Ghadiali bereits 1925 für einige Jahre ins Gefängnis. Das gleiche Schicksal ereilte ihn 1931 noch einmal, diesmal aber, weil sein Apparat nur am nackten Körper anwendbar war und das gegen die guten Sitten im Bundesstaat Cleveland verstieß. Im Jahr 1945 schließlich wurde er zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt und alle seine Bücher und Lampen von der „Federal Food and Drug Administration“ beschlagnahmt. Nach Ablauf der Bewährung gründete Ghadiali das „Spektrum Research Institute“ und begann wieder mit der Herstellung und dem Verkauf seiner Apparate. Mit dem Hinweis, dass sie „keinen kurativen oder therapeutischen Effekt“ haben, konnte er dies ungestraft tun. Colonel Dinshah P. Ghadiali starb im Jahr 1966.

Beweise für die Wirksamkeit noch immer ausständig

Auf Beweise für die Wirksamkeit der Farbtherapie warten seriöse Mediziner noch immer. Erschreckend ist, dass mit derartigem Unsinn auch heute noch – oder schon wieder –kranken Menschen viel Geld aus der Tasche gezogen werden kann. Leider auch von sogenannten Ärzten. Ungefähr 382.000 gegoogelte Ergebnisse für „Spectro-Chromo-Therapie“ in 0,25 Sekunden sprechen eine deutliche Sprache. Etwas Positives hat die „Therapie“ aber dennoch: „Es gibt wohl kaum Methoden, bei der das Nebenwirkungsprofil so günstig abschneidet wie bei der Farblicht-Therapie“, rühmt ein Lichtbiologe auf seiner Homepage die sanfte Art der Heilung. Das lässt sich wahrhaftig nicht bestreiten. Heute sind all diese Geräte natürlich „wissenschaftlich erprobt“ und „computergesteuert“ – unwirksam wie vor hundert Jahren sind sie vermutlich noch immer.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 41 /2011

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