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Leben 11. Oktober 2011

Personalisierte Medizin: Das zweite „Ich“ am iPod

Jeder hat seinen virtuellen Zwilling auf dem iPod, um dessen Körperreaktion auf Umwelt, Lebensstil und Medikamente zu simulieren. Krankhafte Veränderungen sieht man schon vor den Symptomen und Therapie-Optionen werden auf den Einzelnen zugeschnitten. Die Versprechungen der personalisierten Medizin klingen wie Science Fiction.Angela Brand, Leiterin des European Centre for Public Health Genomics zeigte anlässlich des European Health Forum Gastein einen Ausblick in die Zukunft der personalisierten Medizin.

Therapie bereits vor Symptomen

„Obwohl die Ausgaben seit Jahrzehnten explodieren, blieben große Fortschritte in der Therapie der häufigsten Krankheiten aus. Das geht darauf zurück, dass immer nur ein bestimmter Teil von Patienten auf ein Medikament anspricht, da jeder Mensch und jede Krankheit zellulär, molekular und genetisch einzigartig sind. Viel Geld und Heilungschancen gehen somit in gescheiterten Therapien verloren." Um Verbesserungen zu erzielen, müsse man ihrer Meinung nach unwirksame Therapien weit früher erkennen und ihnen gegensteuern, bevor sich Symptome zeigen.

EU-Diagnose Projekt

Fortschritte der Zell- und Genforschung geben Hoffnung, dass diese Diagnose auf molekularer oder zellulärer Ebene tatsächlich funktioniert. Antrieb soll das eine Mrd. Euro schwere EU-Flagschiff-Pilotprojekt  "IT Future for Medicine" liefern, mit Cloud Computing, Zell- und Molekularbiologie, Genom-Entschlüsselung und Datenanalyse. Kommt das auf zehn Jahre ausgelegte Projekt seinen Ankündigungen nach, könnte eine auf dieser Basis ausgerichtete personalisierte Medizin rund 100 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben pro Jahr einsparen, schätzen dessen Befürworter.

Alle Macht beim Patienten

Die einschneidendste Änderung stehe jedoch der Rolle des Arztes  bevor. "Der Patient wird aufgewertet. Er entscheidet, wem er seine Daten weitergeben will." Der Arzt schlägt auf Basis der Datenauswertung bestenfalls vor, welche Medikamente, Lebensstil-Änderungen oder Reha-Maßnahmen sinnvoll wären, beschränkt sich aber sonst auf "technische Reparaturen" wie etwa in der Chirurgie. So die doch etwas einseitige Sichtweise.

Verständnisprobleme seitens der Patienten könnten durch Vereinfachungen verbessert werden, ethische Bedenken blieben genau so unerwähnt wie Akzeptanzprobleme. Daran glaubt Brand nicht. "Ältere Menschen vertrauen eher dem Hausarzt. Jüngere wachsen jedoch ohnehin längst mit IT auf."

Personalisierte Medizin: Mehr als Datentransfer

Gendaten alleine würden für eine in dieser Art angedachte personalisierte Medizin allerdings nicht ausreichen. "Ob und wie sich eine Vorprogrammierung ausdrückt, wird in hohem Maß von der Umwelt bestimmt, weshalb das Computermodell durch andere Informationen laufend ergänzt werden muss", erklärt Brand.

Die Forscherin zählt dazu etwa ökonomische und soziale Angaben des Patienten, Messdaten der Umgebungsluft, Kohlenhydrat-Auswertung von Fotos der eingenommenen Mahlzeiten bis hin zu Hormon- oder sogar Stuhlmessungen. Das System sei lernfähig und verbessere dadurch seine Interpretation der Daten ständig.

Jeden Patienten als Unikat behandeln

Der Ansatz liefere auch einen neuen Blick auf die Definition „Krankheit“ betont Brand: "Durch den Zuschnitt auf den Einzelnen wird jeder ein medizinisches Unikat und jede Erkrankung zur seltenen Krankheit." Parallelen zum Systemdenken wie etwa in der homöopathischen Anamnese oder in der Traditionellen Chinesischen Medizin sieht die Expertin als "durchaus angebracht". Gegenseitiges Lernen sei sinnvoll, wobei jedoch Evidenz leichter zu erbringen sei.

pte/red

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