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Foto: © Technisches Museum Wien
Sitzbadewanne aus Blech, vom Spengler gefertigt.
Foto: Studio Johannes Wagner; © Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H / Hofmobiliendepot

Leibstuhl, auch Zimmerretirade genannt: Eine mobile Gerätschaft zur Verrichtung der Notdurft und somit Vorläufer unseres WCs.

Foto: © Bundesmobilienverwaltung, Foto: Edgar Knaack

Toilettetisch, Neo-Rokoko.

 
Leben 27. September 2011

Vom Rückzug in die eigenen vier Wände

Ausstellung zur Geschichte der Hygiene vom Mittelalter bis in die Jetztzeit.

Abends vor dem Schlafengehen putzen wir die Zähne, und dazu halten wir auch unsere Kinder an. War das immer so? Hat sich das Hygieneverhalten im Laufe der Zeit verändert? Wann kam überhaupt das Badezimmer auf? Alles Fragen, denen das Museum des Hofmobiliendepots in seiner aktuellen Ausstellung „Intime Zeugen. Vom Waschtisch zum Badezimmer“ nachgeht.

 

In Homers Odyssee ist zu lesen, dass sich die Menschen vor dem Essen die Hände reinigten und es üblich war, einem Gast, der eine lange Reise hinter sich hatte, ein Erfrischungsbad anzubieten. Diese Praktiken haben also eine lange Tradition. Ein unterirdisches Kanalsystem kannte auch schon das alte Rom, mit Wasserzu- und Ableitung. Eine Errungenschaft, die allerdings mit dem Untergang des weströmischen Imperiums für lange Zeit wieder in Vergessenheit geriet. Erst im 19. Jahrhundert machten sich die Menschen erneut daran, ein geregeltes System zu installieren, das einerseits die Versorgung mit Trinkwasser und andererseits das Wegschwemmen der Fäkalien garantierte. In Wien brauchte es dazu als Anlass die um 1830 wütende Choleraepidemie. Die vielen Toten und Kranken zwangen die Verantwortlichen zum Handeln. Erst wurde die „Kaiser Ferdinand Wasserleitung“ gebaut, später, unter Kaiser Franz Josef I, die Hochquellwasserleitung, die die Hauptstadt noch heute mit jenem köstlichen Wasser aus dem Rax-Schneeberg-Gebiet versorgt, um das uns Besucher aus anderen Städten und Ländern beneiden.

Umherfahrende Wasserverkäufer

Der Strom kommt aus der Steckdose und das Wasser aus der Leitung: Für uns ist das heute selbstverständlich, doch die sogenannte Fließwasserversorgung wurde in Wien erst mit dem Bau der Wasserleitungen ermöglicht; dieser Standard besteht somit seit gerade einmal etwas mehr als hundert Jahren. Und in der Anfangszeit verfügte auch noch nicht jede Wohnung über einen Anschluss, in den Mietwohnhäusern der Vorstädte, den „Zinskasernen“, erreichte das Fließwasser nur die Gänge, um genau zu sein: den Wandbrunnen aus emailliertem Gusseisen, die sogenannte Bassena.

In der Zeit davor waren die Menschen auf Brunnen oder umherfahrende Wasserverkäufer angewiesen. Bedeutet das auch, dass sie sich weniger reinigten, als es heute üblich ist? Diese Ansicht ist weit verbreitet, doch sie trifft nicht zu, wie Eva B. Ottlinger mit der von ihr kuratierten Ausstellung „Intime Zeugen. Vom Waschtisch zum Badezimmer“ im Wiener Hofmobiliendepot zeigt. Die Menschen hatten früher vielmehr andere Reinigungsgewohnheiten.

Noch im Mittelalter waren Badestuben weit verbreitet. Allein in Wien gab es 29, insbesondere, wie der Name schon sagt, im „Stubenviertel“ am Stubentor. Es handelte sich dabei um öffentliche Einrichtungen, den Thermen im alten Rom vergleichbar, die nicht allein der Reinigung dienten, sondern auch dem geselligen Zusammensein. Man wusch sich und nutzte die Gelegenheit zum Plaudern. Und nebenbei konnte man auch noch etwas für seine Gesundheit tun. Die Bader verstanden sich aufs Schröpfen und auf Aderlässe. Sie boten Dienstleistungen an, die später in den Kompetenzbereich der Ärzte übergingen.

Die Schamschwelle stieg an

Die Badestuben gingen zu Beginn der Neuzeit unter, denn sie gerieten in Verruf, ansteckende Krankheiten zu verbreiten. Damals herrschte noch die Vorstellung vor, dass die Krankheitsübertragung über Miasmen funktioniert, giftige Dämpfe also. Ein zweiter Grund kam hinzu: Die Schamschwelle der Menschen stieg sukzessive an, und so verlagerte sich die Körperhygiene aus dem öffentlichen mehr und mehr in den privaten Bereich. Solange das Wasser noch nicht aus den Armaturen kam, halfen sich die Menschen mit mobilen Gerätschaften. So etwa mit einem Waschkasten, der in feineren Wohnungen nicht nur im Schlaf-, sondern auch im Speisezimmer aufgestellt wurde. Die Speisenden konnten ihre Hände reinigen – die Gabel ist wohlgemerkt eine spätere Erfindung, lange Zeit aßen die Menschen wie selbstverständlich mit den Fingern.

Bourdalou und Zimmerretirade

Zur Verrichtung der Notdurft kamen Porzellangefäße und sogenannte Leibstühle auf, mit feinerem Namen auch Zimmerretirade genannt. Wahre Luxusgegenstände waren Bidets und Bourdalous (Nachttöpfe). Aufgrund ihrer chronologischen Präsentation erfährt der Besucher nicht zuletzt auch etwas über deren Dekorgeschichte.

Die Ausstellung beschreibt die Geschichte der Hygiene als einen fortlaufenden Prozess des Rückzugs in die eigenen vier Wände. Zu sehen sind auch, Leihgaben des Technischen Museums, Badewannen aus Blech, die Anfang des 20. Jahrhunderts vom Spengler hergestellt wurden. Mit dem Fließwasseranschluss kam ein neuer Berufsstand auf: 1888 gründete sich die „Genossenschaft der konsessionierten Gas- und Wasserleitungs-Installateure“. Und zeitgleich etablierte sich auch ein neuer Raumtyp: das Badezimmer. Wie wir einer Abbildung des Badezimmers von Otto Wagner, dem Architekten der Wiener Stadtbahnbögen, entnehmen können, war dies in seiner Frühzeit alles andere als ein funktionaler Nassraum. Es war vielmehr so etwas wie ein Wohlfühlraum, unter anderem auch ausgestattet mit einem Divan. Das war vor hundert Jahren, und einige Indizien sprechen dafür, dass dieses Erbe in unserer Zeit wieder modern wird.

 

Hofmobiliendepot: Ausstellung „Intime Zeugen. Vom Waschtisch zum Badezimmer“, bis 22.1.2012, Andreasgasse 7, 1070 Wien

Dazu sechs Lot Seife
„Man wasche sich täglich mit frischem Wasser den ganzen Körper, und reibe die Haut stark, wodurch sie äußerlich viel Leben und Gangbarkeit erhalte. Man bade Jahr aus Jahr ein jede Woche wenigstens einmal in lauem Wasser, wozu sehr nützlich noch eine Abkochung von fünf bis sechs Lot Seite gemischt werden kann.“

Der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland im „Journal des Luxus und der Moden“, 1801

Von W. Müller , Ärzte Woche 39 /2011

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