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Fotos (3):  Nanut/Regal
Erst durch exakte Messungen bei seinen Ballonflügen in bis zu 5.350 Meter Höhe konnte Hess „das himmlische Trommelfeuer“ beweisen.

Victor F. Hess (1883–1964) erhielt 1936 den Nobelpreis für Physik.

Ankündigungsplakat zur Ausstellung in Schloss Pöllau.

 
Leben 28. September 2011

„Strahlung – der ausgesetzte Mensch“

Eine Ausstellung des Zentrums für Physikgeschichte im Schloss Pöllau.

Viele österreichische Physikerinnen und Physiker haben das Wissen über Strahlung gewaltig vermehrt. Ihr Beitrag ist heute aber kaum mehr bekannt. Die Ausstellung „Strahlung – der ausgesetzte Mensch“ im Schloss Pöllau bei Hartberg in der Steiermark will das ändern.

 

Strahlung nimmt Einfluss auf alles Leben dieser Erde. Ganz gleich, ob harmlos oder gefährlich, natürlich vorhanden oder künstlich hergestellt – wie keine andere Erscheinung der Natur beeinflusst Strahlung unser Leben und unsere Zivilisation. Sei es Sonnenlicht, Wärme-, Röntgenstrahlen, Radiowellen oder elektromagnetische, radioaktive oder kosmische Strahlung.

„echophysics – erstes Zentrum für Physikgeschichte in Europa“ nennt sich der von Dr. Peter Maria Schuster gegründete Verein, der im Jahr 2009 im Schloss Pöllau das erste europäische Zentrum für Physikgeschichte ins Leben rief. „echophysics“ ist ein Akronym, das aus den Anfangsbuchstaben des European Center for the History of Physics gebildet wird. Weiters soll die Bezeichnung an die Bergnymphe „Echo“ erinnern, die ja immer wiederholt, was andere gesagt haben. Wie die Nymphe aus der griechischen Mythologie will „echophysics“ die historischen Wahrnehmungen, Ideen, Entdeckungen und Inspirationen europäischer Physikerinnen und Physiker, Wissenschafter und Erfinder wieder erzählen und weitergeben.

Mit mehr als 600 historischen Geräten, Dokumenten, Bildern, Fotografien und einprägsamen Darstellungen von klassischen Experimenten und Phänomenen lässt sich das der Öffentlichkeit leichter vermitteln als mit abstrakten wissenschaftlichen Daten und Forschungsberichten. In neun Ausstellungsräumen werden aber nicht nur physikalische Objekte präsentiert, sondern auch an den weithin kaum bekannten, jedoch bedeutenden österreichischen Beitrag an der Erforschung der Strahlung erinnert.

Portraits und Texttafeln stellen berühmte österreichische Physiker wie Boltzmann, Doppler, Loschmidt, Mach, Stefan, Blau und Hess vor. Sie und noch viele andere österreichische Forscher haben das Wissen über die Strahlung vermehrt und die moderne Physik mitbegründet.

Nobelpreisträger Victor F. Hess – ein österreichisches Schicksal

Schwerpunkte der Schau im Schloss Pöllau sind dem österreichischen Nobelpreisträger Victor Franz Hess (1883–1964) und dem Institut, in dem er „die zehn schönsten Jahre seines Lebens“ verbrachte, dem Wiener „Radiuminstitut“, gewidmet. In dem von Dr. Carl Kupelwieser – der Jurist war fasziniert vom Radium und seiner geheimnisvollen Strahlung – gestifteten, weltweit ersten Institut dieser Art stellte Hess 1912 die These von der „kosmischen Strahlung“ auf, die ihm aber zunächst niemand glaubte. Erst durch exakte Messungen bei seinen Ballonflügen in bis zu 5.350 Meter Höhe konnte er „das himmlische Trommelfeuer“ beweisen. 1936 erhielt der in der Steiermark geborene Physiker dafür den Nobelpreis für Physik. Hess musste 1938 nach Amerika emigrieren, wo er an der Fordham University in New York Vorlesungen hielt.

Radiuminstitut Boltzmanngasse

Das im Jahr 1987 aufgelöste „Radiuminstitut“ in der Boltzmanngasse im 9. Wiener Gemeindebezirk erzielte bereits kurz nach seiner Gründung beachtliche Ergebnisse auf vielen Gebieten der Radioaktivitätsforschung. Zwei Mitarbeiter des Instituts erhielten den Nobelpreis. Eben Hess 1936 jenen für Physik und im Jahr 1943 der Ungar Georg de Hevesy (1885–1966) den für Chemie. Hevesy gilt als Begründer der Radiochemie und als Erfinder der radioaktiven Tracermethode, die heute nicht nur in der nuklearmedizinischen Diagnostik, sondern auch in Biochemie und Biologie angewandt wird. Das Radiuminstitut lockte jahrzehntelang Forscher und Dissertanten aus der ganzen Welt nach Wien. Auffallend hoch war der Anteil an Frauen, die am Institut, meist allerdings unbezahlt, tätig waren. So etwa Marietta Blau (1894–1970), die erstmals die Kernreaktion der kosmischen Teilchen fotografisch sichtbar machte, und Berta Karlik (1904–1990), die 1945 mit der Leitung des Radiuminstituts betraut wurde und unter anderem für die Mitgliedschaft Österreichs im CERN (the European Organization for Nuclear Research) verantwortlich ist.

Strahlkraft der Objekte

Historische Analysegeräte, Mikroskope, Messinstrumente und Erinnerungsstücke bewahren hier im Barockschloss Pöllau das Erbe der europäischen Physik. Vom Glühlampentestgerät, mit dem sich übrigens beweisen lässt, dass die so genannten „Sparlampen“ miserables Licht produzieren, über die Brille von Sigmund Freud, strahlende Pechblende aus St. Joachimsthal, Röntgenröhren, Mikroskope, Augenspiegel, Spaltlampen, Morsegeräte und Theodoliten bis zu einem geflochtenen Ballonkorb aus jener Zeit, in der Hess seine legendären Messungen durchführte, ist für jeden Besucher etwas dabei. Und Strahlkraft haben die Objekte ohnehin.

Kasten 1
Ausstellung in der Steiermark
Strahlung – der ausgesetzte Mensch
Schloss 1. 8225 Pöllau b. Hartberg/Steiermark

8. Mai bis 27. November 2011
Donnerstag bis Sonntag, von 10:00 bis 17:00 Uhr
sowie nach Voranmeldung

Eintritt: Erwachsene € 4,-

Tel.: +43(0)3335 / 2433
Internet: www.echophysics.org
Kasten 2
Tipp
Von Oktober bis November 2011 zeigt „echophysics“ erstmals im deutschsprachigen Raum die Gesamtausstellung um die Rechenmaschine von Antikytera. Gefunden wurde das geheimnisvolle Gebilde aus Inschriften und Getrieben in einem um 80 v. Chr. gesunkenen griechischen Handelsschiff. Der geniale Mechanismus gilt heute als der erste Computer der Welt. Weltweit gerätselt wird noch immer über Herkunft und Urheber dieses geheimnisvollen, etwa 1.500 Jahre vor Erfindung der mechanischen Uhr gebauten Räderwerks.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 39 /2011

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