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Leben 9. September 2011

Transparente Wartelisten

Die schiefe Optik erzürnt die Patienten bereits seit Jahrtausenden: Wer es sich leisten kann, hat einen Startvorteil.

Alle Patienten sind gleich, nur manche etwas gleicher: So werden etwa Menschen, die für das Wohl der Gemeinschaft wichtiger scheinen, bevorzugt behandelt. Niemand hat etwas davon, wenn ein Kanzler im Wartezimmer stundenlang in Frauenzeitschriften blättern muss, wo er in dieser Zeit stundenlang ein Land regieren könnte. Allerdings finden auch Personen vorzeitigen Einlass, die nicht so vordergründig unentbehrlich scheinen.

Man kann den Wert seiner Person jedoch durch den Griff in die Geldbörse durchaus steigern. Privat Zahlende und Zusatzversicherte kaufen sich nicht nur aus den Wartezimmern frei. Auch kann mit einer kleinen Ablasszahlung die sündigen Cremetörtchen von den Hüften abgesaugt oder durch Glättung der Sorgenfalten seine Chancen am Heiratsmarkt dramatisch verbessert werden.

Wer zahlt, schafft an und wer kräftig genug mit den Geldscheinen wachelt, holt selbst die honorigsten Professoren und die schrulligsten Kapazunder aus ihren stillen Kämmerchen hervor. Auch die Wartelisten auf begehrte Operationen lassen sich mit dem nötigen Kleingeld geschickt umgehen. Dies sei ungerecht, stellt man dieser Tage auch von höchster gesundheitspolitischer Stelle klar. Nach dem Motto „Patienten aller Länder vereinigt euch“ soll dieser Vorgehensweise nun ein Riegel vorgeschoben werden. Transparenz ist das Schlagwort und so sollen Krankenhäuser offenlegen können, warum Patient A vor Patient B Operation C bekommt, für die eine unbekannte Wartezeit x für n geht gegen unendlich besteht. Für Absolventen des Medizineignungstests sollte diese Aufgabenstellung ein Leichtes sein, die anderen müssen sich damit begnügen, dass es anscheinend nun gerechter zugeht, als zuvor.

Wobei die Sache mit der Reihenfolge immer ein wenig schwammig gehandhabt wird: So hängen in vie-len Ordinationen hübsch kopierte Zettelchen, die die Patienten darauf aufmerksam machen, dass der Aufruf ausnahmslos nach der Reihenfolge des Eintreffens erfolgt; … und nach medizinischer Notwendigkeit; … und nach Sympathie; … und nach Lust und Laune. Das ist durchaus transparent und nimmt jedem den Wind aus den Segeln, die sich über eine ungerechte Behandlung beklagen, wenn die nette Dame mit dem Seidenhalstuch und den vielen kleinen Gastgeschenken im Firmenkoffer vorgelassen wird; wenn der Bergkamerad vom Arzt persönlich empfangen und an den müden Augen der anderen Patienten vorbei eskortiert wird; wenn eigentlich jeder, der nach einem in das Wartezimmer kommt, aufgerufen wird. Der kopierte Zettel macht diese vordergründige Ungerechtigkeit transparent und damit gerecht.

In Zukunft wird es für Patienten auch nicht mehr möglich sein, ihren Arzt mit dem unauffälligen Zustecken eines Geldkuverts zu bestechen. Stattdessen müssen die Euroscheine in einer Klarsichtfolie verpackt sein. Transparent eben.

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