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Foto: A. Ginzel
 
Leben 7. September 2011

„Ein Wissenschaftler muss zugleich offen und kritisch sein“

Zweiter Teil unseres Interviews mit dem Universalgelehrten Prof. Dr. Herbert Pietschmann.

Prof. Dr. Herbert Vorstand war Vorstand des Instituts für theoretische Physik. Ein Naturwissenschaftler, der sich auch stets Gedanken gemacht hat über die Grenzen seines Fachgebiets – und das Leben überhaupt.

 

Herr Prof. Pietschmann, Sie schreiben: Wer als Wissenschaftler von der herrschenden Lehrmeinung abweicht, kann entweder reüssieren oder in das gesellschaftliche Abseits geraten. In jedem Fall ein Balanceakt.

Pietschmann: Ein Wissenschaftler muss zugleich offen und kritisch sein. Wenn er nicht offen ist, übersieht er vielleicht etwas wesentlich Neues. Wenn er nicht kritisch ist, dann nimmt er leicht jede verrückte Idee für ernst. Die beiden Positionen zu vereinen, ist eine Aufgabe, die gar nicht so leicht zu erfüllen ist. Wenn man beide Seiten auseinanderreißt, dann fallen sie nach meinem sogenannten HX-Modell in ihren jeweiligen Schatten: statt offen ist man dann leichtgläubig, und statt kritisch ist man dann borniert. Zwischen diesen Extremen gilt es eine Gratwanderung durchzuführen und auszuhalten. Der erste japanische Nobelpreisträger Ogawa konnte bekanntlich seine spätere Nobelpreisarbeit in den großen Zeitschriften nicht veröffentlichen, weil die Leute sagten, das sei Unsinn. Es gibt auch den umgekehrten Fall: Ein Kollege veröffentlichte zwei Arbeiten zuerst in der New York Times, bevor sie von den großen Fachzeitschriften übernommen wurden. Beide Male hatte er sich allerdings geirrt, wie sich später herausstellte – und sein Ruf ist heute ruiniert.

Wie zwischen offen und kritisch besteht für Sie auch zwischen Freude und Ernst ein dialektisches Verhältnis, und dem haben Sie sogar ein eigenes Buch gewidmet, es heißt „Vom Spaß zur Freude“.

Pietschmann: Freude und Ernst treten immer zusammen auf. Wenn sie einzeln auftreten, wird aus der Freude Spaß und aus dem Ernst Trostlosigkeit. Und wenn man die beiden zerreißt, dann schwankt man dauernd zwischen Spaß und Trostlosigkeit hin und her. Ich sage immer: Spaß vertreibt die Zeit, Freude macht froh. Und wenn man Freude und Ernst nicht zu einer Synthese verbindet, dann bleibt es beim Spaß, der die Zeit vertreibt. Hin und wieder ist das ganz gut, doch darf es dabei auch nicht bleiben. Es ist eine ganz interessante Beobachtung, dass wir unsere Zeit in Arbeitszeit und Freizeit einteilen. Die Arbeitszeit ist das Unangenehme, die Freizeit ist das Angenehme. Daher trachten wir nach Arbeitszeitverkürzung, aber in der nun größer gewordenen Freizeit suchen wir uns nicht selbst zu finden, sondern wir suchen nach Zeitvertreib. Untersuchungen von Glücksforschern haben ergeben, dass die Leute nach Arbeitszeitverkürzung rufen, aber in ihrer Arbeitszeit glücklicher sind als in ihrer Freizeit. Nicht, weil die Arbeit sie so freut, sondern weil sie merken, dass sie in der Freizeit am Leben vorbeileben.

 

Nach Albert Einstein sind Wissenschaftler „sonderbare, verschlossene, einsame Kerle im Tempel der Wissenschaft“. Nun sind Sie gerade das Gegenteil, Sie haben immer über den Tellerrand Ihres Fachgebiets hinausgeschaut.

Pietschmann: Je höher jemand in den Ehrungen der Wissenschaft hinaufkommt, umso einsamer und skurriler wird er auch. Und der Preis dafür, dass man unter den Menschen bleibt, ist der, dass man nicht den Nobelpreis kriegt. Der skurrilste unter meinen Kollegen war sicherlich Paul Dirac, ein britischer Physiker, der bereits gestorben ist. Ein ganz lieber Mensch. Er hatte von sich selbst gesagt, er denke nicht in Worten, und konnte tatsächlich kaum kommunizieren. Wenn man mit ihm gesprochen hat, hat er einen eigentlich immer nur freundlich angelächelt. Und nie etwas gesagt. Er hat sich die Antwort gedacht, ist aber nicht auf die Idee gekommen, sie auch zu sagen.

 

Wie ändert sich der Mensch im Alter? Sie werden dieses Jahr 75. Was hat sich für Sie gegenüber früher geändert?

Pietschmann: Vor etwa 15 Jahren ist mir aufgefallen, dass ich mir nicht mehr so viel merken kann. Das war zunächst etwas unangenehm, das bedrückt einen. Doch dann habe ich mir gedacht: Wenn das nicht nur mir, sondern allen Menschen so geht, liegt vielleicht ein Sinn dahinter. Und ich glaube, ich habe den Sinn gefunden: Er liegt meiner Meinung darin, dass man sich nun mehr darauf konzentriert, im Hier und Jetzt zu leben. Meine Vorträge halte ich inzwischen ohne Zettel. Ich konzentriere mich auf zwei, drei Sachen, die ich mitteilen möchte – mehr geht ohnehin nicht. Ich erzähle das dann so, wie ich es Freunden oder Verwandten erzählen würde. Ohne große Vorbereitung, ohne intensive Erinnerungsarbeit – einfach spontan. Im Alter kommt die Sorge dazu, die wohl jeder hat, wenn er nur ehrlich ist: Die Sorge nicht einmal vor dem Tod, sondern vor dem, was vorher kommt: Krankheit oder Pflegefall. Da kann ich nur sagen, das muss man auf sich zukommen lassen, damit muss man sich abfinden. Der Tod selber ist ja sehr ambivalent. Es gibt diese beiden einander vollständig widersprechenden Sätzen: Durch den Tod wird das Leben sinnlos. Und: Erst durch den Tod erhält das Leben seinen Sinn. Diese Sätze sind immer zugleich wahr oder falsch. Es ist nicht der eine wahr und der andere falsch. Die Fülle des Lebens, wie es immer so schön heißt, resultiert ja aus der Endlichkeit des Lebens. Ein unendlich langes Leben wäre unendlich langweilig. Wenn man sich das bewusst macht, dann kann man auch sehr intensiv leben. Und wenn man sehr intensiv lebt, dann hat auch der Tod sozusagen seinen Stachel verloren.

 

„Sehr intensiv leben“ – was heißt das für Sie?

Pietschmann: In der Gegenwart leben. Im Augenblick innezuhalten. Und das heißt vor allem, möglichst wenig zu planen. Ein Beispiel: Ich komme recht viel in der Welt herum – doch ich habe keine Kamera. Denn wenn ich eine Kamera mit nach China nähme, würde ich nicht in der Gegenwart leben, sondern nur schauen, was ich fotografiere, damit ich es mir später einmal anschauen kann. Das heißt, in dem Moment des Fotografierens würde ich in der Zukunft lebe, und wenn ich mir später die Fotos anschaue, in der Vergangenheit. Ich machte einmal mit meinen Kindern eine Urlaubsreise: Geplant war nur: zwei Wochen. Wohin die Reise geht, das wollten wir offen lassen. Wir sind also einfach losgefahren und haben uns bei jeder Gabelung gefragt: Fahren wir nun nach links oder rechts? So haben wir die tollsten Dinge erlebt, weil wir für den Augenblick offen waren. Plötzlich waren wir in Rotterdam, da dachten wir, es wäre eigentlich ganz schön, nach England überzusetzen. Also zum Hafen – obwohl im Sommer immer alle Fähren ausgebucht sind. Und siehe da, zufällig hatte jemand vor einer halben Stunde sein Kabinen-Ticket zurückgegeben. Auf der Rückfahrt haben wir dann die Verbindung Dover-Calais genommen, da kriegt man in jedem Fall einen Platz. Man darf sich auch nicht zu sehr auf den „Zufall“ verlassen. Auf dieser Reise passierten jedenfalls viele Dinge, die für Heiterkeit und frohe Stimmung sorgten.

 

Das Gespräch führten A. Ginzel und W. Müller

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