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Fotos (2): S. Ginzel
 
Leben 30. August 2011

„Ich beschäftige mich nur mit dem, was mir Freude macht“

Gespräch mit dem Universalgelehrten Prof. Dr. Herbert Pietschmann.

Mit 30 war er schon Universitätsprofessor. Prof. Dr. Herbert Pietschmann lehrte in Schweden und den USA, in Japan und China. An der Wiener Universität war er Vorstand des Instituts für theoretische Physik. Ein Naturwissenschaftler, der allerdings stets den Blick über den Tellerrand seines Fachgebiets richtete. Er engagiert sich in der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin, hält Vorträge über Musik und macht sich nicht zuletzt Gedanken über ein gedeihliches Miteinander von Christen und Muslimen.

Herr Professor Pietschmann, Sie halten Vorträge zu sehr vielen und auch ganz unterschiedlichen Themen, zu Musik und Physik, zu Medizin und Didaktik. Was interessiert Sie eigentlich nicht?

Pietschmann: Es gibt sicher sehr viele Bereiche, die mich nicht interessieren. Welche das sind, kann ich gar nicht genau sagen. Denn ich beschäftige mich grundsätzlich nur mit dem, was mir Freude macht. Ich sage „grundsätzlich“, und das heißt: Ich spiele beispielsweise gerne Klavier, was bedeutet, dass ich auch öfters üben muss, und das macht schon weniger Spaß. Es ist also nicht so, dass ich nur das mache, was oberflächlich Spaß macht.

Doch, wie gesagt, beschäftige ich mich nur mit Dingen, die mich ansprechen. Und daher weiß ich eigentlich gar nicht, was mich nicht anspricht. Allerdings, etwas fällt mir ein: Ich gehe nicht gerne in Kunstausstellungen, was vielleicht mit meinen schlechten Augen zusammenhängt. Ich war schon sehr oft in Paris, habe aber noch nie die Mona Lisa gesehen.

Sie verkörpern den Typus des Universalgelehrten. Wie kam es dazu, dass Sie sich über Ihr Kerngebiet, die Physik, hinaus für viele andere Gebiete interessieren?

Pietschmann: Ich hatte immer das Gefühl, dass es in meinem Leben drei Bereiche gibt, die ich zum vollständigen Leben nicht auslassen kann. Das sind die Physik, die Philosophie und die Musik. Wenn man sich einmal für diese Bereiche entschieden hat, dann ergeben sich von selbst Erweiterungen und Querverbindungen in andere Bereiche.

Mit 19 Jahren gingen Sie als Hauslehrer nach Syrien.

Pietschmann: Ich wollte immer die Welt kennenlernen. Mein Vater war Naturforscher, am Anfang des vorigen Jahrhunderts. Das heißt, er ist in jene Gegenden gereist, die noch weiße Flecken auf der Landkarte waren. Den Beruf des Naturforschers gibt es heute gar nicht mehr. Von meinem Vater habe ich ein bisschen das Fernweh geerbt. Als ich damals hörte, dass eine Wiener Familie, die für die Weltgesundheitsorganisation arbeitete, für ihren neunjährigen Sohn einen Hauslehrer suchte, habe ich mich gemeldet. Die Bedingungen waren: Man bekommt nicht viel Geld, kann aber mit der Familie alle Reisen machen.

Das hat wohl die anderen abgeschreckt – für mich war gerade diese Möglichkeit des Herumkommens das Entscheidende. Ich bekam den Hauslehrerposten, und tatsächlich kam ich nach Damaskus, Bagdad und in viele weitere große Städte. Die arabische Schrift brachte ich mir selbst bei, denn die Verständigung war selbst über Gesten nicht möglich, da unsere Gesten im arabischen Raum eine ganz andere Bedeutung haben.

Zuletzt haben Sie das Buch Die Atomisierung der Gesellschaft veröffentlicht. Thema und Konzept kamen Ihnen, wie Sie am Rande erwähnen, an einem Abend bei einem Spaziergang nach Hause. Weiter erfahren wir, dass Sie an dem Buch ein halbes Jahr gearbeitet haben. Nicht sehr lange also. Was bedeutet Ihnen das Schreiben von Büchern?

Pietschmann: Vielleicht erzähle ich zuerst, wie es dazu gekommen ist, dass ich auch nicht-physikalische Bücher schreibe. Mir gefiel es immer, bei Fortbildungsveranstaltungen abends noch mit Kollegen zusammenzusitzen und philosophische Fragen zu erörtern. Fragen insbesondere zu den Grenzen unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes. Ich wurde damals öfters von Kollegen gedrängt, meine Ansichten in einem Buch zusammenzufassen – doch dagegen wehrte ich mich, weil es meiner Meinung nach einer gewissen Selbstentblößung gleichkommt, seine tiefsten Gedanken darzulegen.

Dann hatte ich einmal eine Einladung zum Kaffee im Zsolnay-Verlag, wo es auch um erkenntnistheoretische Fragen ging. Am nächsten Tag rief mich die damalige Verlagsleiterin an und sagte: „Sie werden ein Buch schreiben.“ Darauf ich: „Das glaube ich nicht.“ Sie wieder: „Ich nehme das zur Kenntnis. Aber nehmen auch Sie bitte zur Kenntnis, dass ich eine Spezialistin für hartnäckige Autoren bin. Ich gehe Ihnen ab jetzt solange auf die Nerven, bis Sie ein Buch schreiben.“ Darauf ich: „Wir haben uns doch so gut verstanden. Es wäre doch schade, wenn wir uns auf die Nerven gingen. Also gebe ich gleich nach.“

So begann ich das Buch Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters zu schreiben und widmete es der Verlagsleiterin mit den Worten: ,Dem Vater dieses Buches. Die Mutter Herbert Pietschmann‘ – nach dem Motto: Sie hat ein paar Stunden Vergnügen gehabt, und ich habe neun Monate gearbeitet. Das Buch ist 1980 erschienen und wurde ein Bestseller. Ich empfand es als etwas sehr Erfüllendes, seine eigenen Gedanken vor vielen Menschen darzulegen und darauf positive Rückmeldungen zu erhalten.

Das jüngste Buch ist meine 18. Publikation, wenn man die physikalischen Bücher dazuzählt. Es ist nach wie vor so, dass das Schreiben eines Buches für mich keineswegs nur Nebenbeschäftigung ist. Im Gegenteil, es ist eine Hauptbeschäftigung. In dieser Zeit bleibt alles andere liegen, bis das Buch fertig ist. Nun geht das bei mir auch relativ rasch, da ich sehr wenig umschreiben muss.

Die Grenzen unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes – diese Arbeit hätte man nun nicht unbedingt von einem Universitätsprofessor für Physik erwartet. Wie kamen Sie zu dem Thema?

Pietschmann: Zunächst muss ich sagen: Ich bin begeisterter Physiker. Aber ich sehe auch, dass die Physik nicht alles erklären kann. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gerne Carl Friedrich von Weizsäcker, mit dem ich persönlich befreundet war: „Philosophie stellt diejenigen Fragen, die nicht gestellt zu haben, die Erfolgsbedingung des wissenschaftlichen Verfahrens war.“ Die großartigen Erfolge, die wir bei der Entschleierung der Materie in den Naturwissenschaften gewonnen haben, haben also den Preis, dass man gewisse Fragen nicht stellt. Fragen, die nicht zuletzt wesentlich sind für ein geglücktes Leben.

Nach der Beschäftigung mit ostasiatischen Kulturen bin ich darauf gekommen, dass es insbesondere unser aristotelisches Entweder-Oder-Denken ist, das uns einerseits große Erfolge auf dem Gebiet der Naturwissenschaft und ihrer Schwester, der Technik, gebracht hat, unser Denken aber andererseits sehr einschränkt. Für uns gibt es nur richtig oder falsch. Entweder – Oder. Weiters lassen wir nur das gelten, was durch eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zu erklären ist. Wir denken immer monokausal und haben völlig vergessen, dass schon Aristoteles gewusst hat, dass es viele Dinge auf der Welt gibt, die nicht kausal zu erklären sind, sondern final. Dass also Dinge geschehen, weil ein Mensch das will. Das haben wir aus unserer öffentlichen Wirklichkeitskonstruktion eliminiert.

Ihr Buch Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters wurde ein Bestseller. Inwieweit hat Ihnen das Buch auch geschadet?

Pietschmann: Das hängt davon ab, was man mit schaden bezeichnen möchte. Es hat sicher einige Kollegen gegeben, die gesagt haben, mit dem können wir nun nicht mehr reden. Einer meinte auch: Jetzt verstünde er die 68er-Bewegung. Wenn die Studenten solche Professoren haben, dann müssen sie ja auf die Barrikaden gehen. Es gab große Diskussionen, zum Teil auch wilde Kämpfe, aber das war auch ganz gut, weil es viel aufgebrochen hat. Manche sagten, ich müsste nun aussteigen und Schafe züchten. Aber gerade das wollte ich nicht. Mir ging es stets darum, Brücken zu bauen und nicht zu trennen.

Andere sagten, das sei die Alterserscheinung eines frühreifen Wunderkindes – ich bin ja mit 30 Jahren berufen worden. Um dem zu entgehen, musste ich ganz intensiv in der Physik weiterarbeiten, um mich auf dieser Bühne sozusagen zu bewähren.

Das Gespräch führten A. Ginzel und W. Müller.

Zweiter Teil des Gesprächs mit Prof. Dr. Herbert Pietschmann in der nächsten Ausgabe der Ärzte Woche

Zur Person
Em. Prof. Dr. Herbert Pietschmann

geboren 1936 in Wien, Studium Mathematik-Physik an der Universität Wien, Dr. phil. (sub auspiciis praesidentis) 1961. Habilitation in theoretischer Physik an den Universitäten Wien und Göteborg 1966. Forschungsjahre in Genf (CERN), Virginia/USA, Göteborg und Bonn. Vortragsreisen (Europa, USA, Naher Osten, Japan und China). Seit 1968 außerordentlicher und seit 1971 ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Wien, Vorstand des Instituts für theoretische Physik, seit Oktober 2004 Emeritus. Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin, Mitglied der New York Academy of Science und Fellow der World Innovation Foundation.

Die wichtigsten Publikationen:
- Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters (Wien 1980 und Stuttgart 1995)
- Phänomenologie der Naturwissenschaft (Berlin 1996 und Wien 2007)
- Gott wollte Menschen (Wien 1999)
- Eris&Eirene – Anleitung zum Umgang mit Widersprüchen und Konflikten (Wien 2002)
- Vom Spaß zur Freude – Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts (Wien 2005)
- Geschichten zur Teilchenphysik (Wien 2007)
- Die Atomisierung der Gesellschaft (Wien 2009)
- Videofilm: Aufbruch in die Quantenwelt (Wien 2002)
11 weitere Bücher, ca. 160 Arbeiten in Physik, ca 170 Arbeiten in Wissenschaftstheorie, Philosophie und Didaktik.
 Homepage: http://homepage.univie.ac.at/herbert.pietschmann/

Von A. Ginzel und W. Müller., Ärzte Woche 35 /2011

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