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Fotos (2): W. Regal und M. Nanut
Bei der Ichthyosis ist die Haut an manchen Stellen des Körpers – wie etwa dem Gesicht – von der Verhornungsstörung ausgespart.

Joseph Barth (1745–1815) war einer der skurrilsten Ärzte der „Ersten Wiener Medizinischen Schule“.

 
Leben 30. August 2011

Das Mädchen im Narrenturm

„Numerus antiquus 5581“ – das berühmteste Präparat im Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseum.

Es ist eines der ältesten und wohl auch eines der emotional berührendsten Präparate im Narrenturm: das so genannte „Stopfpräparat“ eines Mädchens, das an einer seltenen Hautkrankheit, der Ichthyosis oder Fischschuppenkrankheit, litt. Trotz seines hohen Alters von über 300 Jahren ist es noch immer gut erhalten. Wie kaum ein anderes Präparat des Museums beeindruckt es auch heute noch zutiefst und macht den Betrachter nachdenklich.

 

Im Hauptkatalog, wo sich das Präparat heute unter der Musealnummer 2088 findet, ist das Objekt lapidar mit der Eintragung „Cutis farcta infantilis femelli ichthyosi exquisite laborans. Barth“ vermerkt. Was letztlich nichts anders bedeutet, als dass es sich hier um „ein besonders schönes Stopfpräparat eines Mädchens, das an Ichthyosis litt“, handelt.

Augenarzt des Kaisers

Das Objekt, das unter der „Numerus antiquus 5581“ im Jahr 1843 im Pathologischen Museum katalogisiert wurde, ist aber wesentlich älter. Vermutlich entstand es bereits um 1780. Ein Hinweis dafür ist der Name Barth, der im Katalog vermerkt ist. Joseph Barth (1745–1815) war einer der skurrilsten Ärzte der so genannten „Ersten Wiener Medizinischen Schule“. Bekannt in Wien war er nicht nur aufgrund seiner umfangreichen Praxis als hervorragender Augenoperateur – er soll über 3.000 Staroperationen durchgeführt haben –, sondern auch aufgrund seiner Geldgier.

Seiner Meinung nach war ein Augenarzt für Wien genug und nur auf allerhöchsten Befehl ließ er sich widerwillig herab, sein „geheimes“ Wissen an einen Schüler weiterzugeben. Geboren in Malta, erhielt Barth seine medizinische Ausbildung in La Valetta, Rom und schließlich Wien, wo er im Jahr 1772 auch promovierte. Bereits ein Jahr später wurde er zum Lektor für Augenheilkunde und feinere Anatomie an der Universität Wien und im Jahr 1774 zum ordentlichen Professor ernannt.

Barth war aber nicht nur ein geschickter und talentierter Augenarzt. Er belebte auch das anatomische Studium in Wien. Joseph II. errichtete eigens für ihn ein neues anatomisches Theater und Barth legte gemeinsam mit seinem Prosektor Ehrenritter eine umfangreiche anatomische Sammlung an. Ab 1776 war er auch Augenarzt des Kaisers.

Durch seine schrullige Lebensart galt er in Wien als Original und Sonderling. So pflegte er etwa völlig nackt in seinem Garten herumzulaufen. Nach dem Tod Joseph II. interessierte er sich jedoch kaum mehr für die Medizin und sein Lehramt an der Universität, sondern widmete sich nur mehr der Kunst und Archäologie.

Taxidermie

Das überaus sorgfältig gearbeitete menschliche Ganzkörper-„Stopfpräparat“ stammt also mit großer Sicherheit aus dem von Barth und Ehrenritter angelegten Anatomischen Museum in der „Alten Universität“, seit 1857 Sitz der Akademie der Wissenschaften, und wurde möglicherweise sogar von Barth selbst hergestellt.

Die etwa 230 Jahre alte „Taxidermie“ – der Begriff „Stopfpräparat“ sollte eigentlich nicht mehr verwendet werden, da nur in den allerersten Anfängen der Präparierkunst der Balg von Säugetieren, Vögeln oder Fischen tatsächlich nur mit Sägespänen oder Rosshaar ausgestopft wurde – befand sich ursprünglich unter einer Glasglocke. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit musste der noch immer original erhaltene Glassturz vor einigen Jahren abgenommen und das Präparat frei aufgestellt werden.

Noch Hofrat Dr. Karl Alfons Portele, Dr. Beatrix Patzaks Vorgänger auf dem Direktorsposten des Bundesmuseums, war der Meinung, dass eine Altersbestimmung des 85 cm großen Mädchens nicht mehr möglich sei, da, wie er annahm, für die Präparation das komplette Skelett und das Gebiss entfernt wurden. Vor einigen Jahren wurden nun aber doch Röntgenaufnahmen des Präparates angefertigt. „Überraschenderweise“, erzählt Patzak, „stellte sich heraus, dass Hände und Füße sehr wohl noch Knochen enthielten und damit das Alter des Kindes ziemlich genau auf vier bis fünf Jahre eingegrenzt werden konnte.“

Der Korpus des Mädchens ist aus rotem Wachs geformt. „Die Gesichtshaut ist gelblich gefärbt, und zwar durch Bemalung. Ob der Präparator hierdurch einen ikterischen Hautton zum Ausdruck bringen wollte, oder ob es sich um eine nachträgliche Verfärbung handelt, kann nicht entschieden werden. Die Bemalung der Lippen und der geöffneten Augen ist ebenfalls typische Präparatorenarbeit“, schrieb Portele in einem Artikel in der Wiener klinischen Wochenschrift im Jahr 1958.

Verhornungsstörung der Haut

Die angeborene Hautkrankheit, an der das Mädchen litt, ist seit 1731 medizinisch als Ichthyosis – Fischschuppenkrankheit – dokumentiert. Die erbliche Verhornungsstörung der Haut manifestiert sich von den leichtesten Graden der Ichthyosis vulgaris, bei denen die Haut beim Darüberstreichen mit dem Finger nur das „Gefühl eines Reibeisens“ hinterlässt, bis zu den schwersten Formen der Ichthyosis congenita, die mit dem Leben nicht vereinbar ist – die Kinder sterben bereits nach wenigen Tagen. Eigenartig und typisch ist, wie auch beim Ganzkörperpräparat im Narrenturm gut zu sehen, dass die Haut an manchen Stellen des Körpers von der Ichthyosis ausgespart bleibt. Auch die Gesichtshaut zeigt üblicherweise keine Veränderungen und hat bis auf eine gewisse Trockenheit normale Glätte und Geschmeidigkeit. Die Therapie ist rein symptomatisch. Eine kausale Behandlung gibt es bis heute nicht.

Das berühmte menschliche Ganzkörperpräparat, das „Mädchen im Narrenturm“, ist nach einer Restaurierung im Jahr 2008 wieder ausgestellt. Bei einer Führung kann es jetzt im selben Zustand besichtigt werden, wie es den Medizinstudenten im 18. Jahrhundert im Anatomischen Museum der Alten Universität am Ignaz Seipel-Platz präsentiert wurde.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 35 /2011

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