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Porträt von Lisa Gherardini - Leonardo da Vincis berühmtestes Werk
 
Leben 24. August 2011

Das gestohlene Lächeln

Durch einen frechen Raub vor hundert Jahren wurde die Mona Lisa zum bekanntesten Kunstwerk aller Zeiten.

Um sieben Uhr früh am 21. August 1911 betrat der italienische Handwerker Vincenzo Peruggia den Louvre in Paris. Unbeobachtet nahm er das Porträt der Lisa Gherardini von der Wand, befreite es mit geübten Handgriffen aus dem schweren Rahmen mit Schutzglas und spazierte mit der heute teuersten Pappelholztafel der Welt unbehelligt davon. So unspektakulär verlief der „Kunstraub des Jahrhunderts". Manches an diesem Diebstahl ist auch heute noch genauso rätselhaft wie das Lächeln der am helllichten Tag entführten Dame.

Der 21. August 1911 war ein Montag. Der wöchentliche Sperrtag im Louvre. Der Tag, an dem für Reinigung und kleine Ausbesserungsarbeiten viele Arbeiter ein- und ausgingen. An diesem Tag wurden Bilder zu kleinen Restaurierungsarbeiten geholt oder in die Fotoateliers gebracht. So be­unruhigte die leere Stelle im Salon Carré zwischen Correggios Mystischer Hochzeit der heiligen Katharina und der Allegorie auf die Hochzeit von Tizian eigentlich niemanden. Auch als am Tag darauf der professionelle Kopist Louis Béroud mehrfach nach „seinem" Bild fragte, begab sich der alte Wachmann zunächst nur recht gemächlich auf die Suche. Das sollte sich aber bald ändern. Nach dem Fund des wertvollen alten Rahmens unter einem nicht öffentlich zugänglichen Treppenabsatz war im Louvre die Hölle los. Das Unfassbare war geschehen, Mona Lisa war verschwunden.

Im goldenen Zeitalter der Massenpresse und des eben erst kommerziell einsetzbar gewordenen drahtlosen Funks sorgte der Diebstahl bereits am 23. August weltweit für Schlagzeilen. Die neuen Möglichkeiten der fotografischen Reproduktion und Drucktechnik machten das Antlitz der von Leonardo da Vinci zwischen 1503 und 1506 gemalten Gemahlin des Florentiner Kaufmanns Francesco del Giocondo in kürzester Zeit zum berühmtesten Gesicht der Welt. Tausende Pariser pilgerten in den Louvre. Die leere Wand mit den vier einsamen Haken wurde zum Wallfahrtsort. Frankreich trauerte. „La Joconde" wurde zur „unsichtbaren Sehenswürdigkeit", wie Franz Kafka bei seinem Besuch in Paris bemerkte. Vor dem Louvre machten Andenken- und Postkartenverkäufer das Geschäft ihres Lebens.

Mona Lisa tauchte wieder auf
Obwohl der Dieb seinen Fingerabdruck auf der Glasplatte hinterlassen hatte, kam die Polizei keinen Schritt weiter. Hunderte Personen, die im Louvre arbeiteten oder in den letzten fünf Jahren gearbeitet hatten, wurden verhört und ihre Wohnungen durchsucht.

Rekonstruktion des Gemäldediebstahls. Ein einfacher Arbeiter trug die Holztafel mit dem Konterfei Mona Lisas heim.
Rekonstruktion des Gemäldediebstahls. Ein einfacher Arbeiter trug die Holztafel mit dem Konterfei Mona Lisas heim.

Völlig überraschend tauchte die Mona Lisa im Dezember 1913 in Florenz wieder auf. Der italienische Gastarbeiter und in Frankreich bereits polizeibekannte Kleinkriminelle Peruggia, der 1910 als Hilfsarbeiter einer Glaserei mehrere Gemälde im Louvre, darunter auch die Mona Lisa, zu ihrem Schutz verglast hatte, gestand den Diebstahl. Zu seiner Rechtfertigung gab er an, er hätte es getan, um seinem Vaterland Italien ein von Napoleon I. verschlepptes Meisterwerk zurückzugeben.

Neuerlich stand das bereits unwiederbringlich verloren geglaubte Porträt weltweit im Mittelpunkt des Interesses. Die Presse war enttäuscht, dass der Dieb kein charmanter Schurke und Meisterdieb, sondern ein geistig eher wenig talentierter Anstreicher war. Peruggias vaterländische Motive stellten sich bald als das heraus, was sie waren: Geflunker und beschönigender Schmus. In seinem schäbigen Zimmer in Paris fand die Polizei ein Notizbuch mit Adressen von reichen Sammlern und Kunsthändlern in Amerika, Italien und Deutschland. Notiert hatte der „glühende Patriot" die Adressen bereits neun Monate vor seiner Tat.

Die Verhaftung und die Aussagen Peruggias waren für die Verantwortlichen im Louvre und die französische Polizei eine Blamage sondergleichen. Peruggia hatte das Bild ohne Probleme von der Wand genommen und war mit dem nur 79,4 x 53,4 cm großen Porträt am helllichten Tag einfach davonspaziert. Beim Verlassen des Museums half ihm auch noch ein Installateur des Louvre, eine versperrte Tür zu öffnen. Während das Gemälde auf der ganzen Welt fieberhaft gesucht wurde, lag es nur ein paar Kilometer vom Louvre entfernt in einer schmierigen Kammer. Als ehemaliger Angestellter des Louvre war Peruggia sogar verhört und sein Zimmer durchsucht worden. Zu seinem Glück verglich die Polizei seine Fingerabdrücke nicht mit den am Tatort gefundenen. So blieb der spektakuläre Diebstahl, der innerhalb weniger Tage hätte aufgeklärt werden können, zwei Jahre lang ein mysteriöser Fall.

Viele Geschichten ranken sich um den Diebstahl
Bis in die jüngste Vergangenheit tauchen immer wieder Gerüchte und Vermutungen über Hintermänner und Auftraggeber des Diebstahls auf. Vieles ist bis heute ungeklärt. Manches an dem Diebstahl ist genauso rätselhaft wie das Lächeln der Mona Lisa selbst. Peruggia wird noch heute kaum zugetraut, diesen kühnen Raub selbst geplant und durchgeführt zu haben. Aber weder für die Geschichte vom deutschen Spion, der als „agent provocateur" am Vorabend des Ersten Weltkrieges Unfrieden zwischen Italien und Frankreich schüren wollte, noch für eine Beteiligung des übel beleumundeten Berliner Kunsthändlers, Betrügers und Falschspielers Otto Rosenberg und seine Verbindung zu einer belgischen Gang­sterbande konnten bis heute handfeste Beweise gefunden werden.

Ein Bild unter vielen im Salon Carré des Louvre, war da Vincis Porträt von Lisa Gherardini mit dem geheimnisvollen Lächeln leichte Beute.

Ein Bild unter vielen im Salon Carré des Louvre, war da Vincis Porträt von Lisa Gherardini mit dem geheimnisvollen Lächeln leichte Beute.

Kurios ist die Geschichte des amerikanischen Enthüllungsjournalisten Karl Decker. Angeblich gestand ihm ein argentinischer Hochstapler seinen brillanten Plan, den er ausgebrütet und angeblich auch durchgeführt hatte. Nachdem der von ihm angezettelte Diebstahl der Mona Lisa weltweit Schlagzeilen gemacht hatte, will er sechs bereits vorher hergestellte Fälschungen der Mona Lisa an verschwiegene amerikanische Millionäre als Original verkauft haben. Sicher sind solche Schnurren von mondänen Meisterverbrechern weitaus spannender als die patriotischen Ergüsse des einfachen Anstreichers. Aber auch für Deckers fantastische Geschichte gibt es keinen Beweis. All diese Storys haben einen kleinen Fehler: sie sind einfach zu schön, um wahr zu sein.

Mona Lisa berühmt gemacht
Dennoch: War Perrugia tatsächlich so dumm zu glauben, dass nach zwei Jahren so viel Gras über die Sache gewachsen war, dass er nun riskieren konnte, die Mona Lisa zu verkaufen? Warum hat Peruggia zwei Jahre gewartet und riskiert, als kleiner Dieb entlarvt zu werden, wenn er doch als gefeierter Held seinem Vaterland ein „gestohlenes" Meisterwerk zurückgeben wollte? Fragen, die bis heute nicht geklärt sind. Sicher ist nur, dass Peruggia mit einer geringen Haftstrafe davonkam, nur sieben Monate und neun Tage musste er absitzen. Im Triumphzug durch seine Heimat getragen wurde Peruggia aber nicht. Die von ihm „Entführte" allerdings schon. „Madonna Lisa" kehrte am 4. Januar 1914 in den Louvre zurück. Geld, Ruhm und Ehre brachte der Raub Vincenzo Peruggia nicht ein. Vergessen und unbeachtet starb er am 8. Oktober 1925 an einem Herzinfarkt. Leonardos Meisterwerk aber machte der spektakuläre Diebstahl zum bekanntesten und berühmtesten Gemälde aller Zeiten.

Von W. Regal, Ärzte Woche 34/2011

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