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Foto: Wienbibliothek im Rahaus, Plaktsammlung
Plakat „Das Meer der Wiener“, 1927.
Foto: ÖNB, Bildarchiv

Podersdorf, 1957.

Foto: Burgenländisches Landesarchiv, Eisenstadt

Correspondenzkarte, um 1900.

 
Leben 16. August 2011

Rückzugsgebiet für gestresste Großstädter

Wien Museum: Ausstellung über den Neusiedler See.

Haben Sie aktive Burn-out-Prophylaxe betrieben? Sind Sie in Urlaub gefahren und haben temporär den Alltag hinter sich gelassen? Schön, wenn man nicht nur in der Ferienzeit Stress abbauen kann, sondern das ganze Jahr über. Dazu bietet sich gerade für Wiener ein Ausflug an den nahe gelegenen Neusiedler See an. Das Wien Museum informiert in einer aktuellen Ausstellung über das „Meer der Wiener“.

 

„Meer der Wiener“: ein Werbespruch, der in den 1950er Jahren aufkam und sich mit beachtlicher Hartnäckigkeit bis in unsere Zeit gehalten hat. Der Neusiedler See als Naherholungsgebiet für gestresste Großstädter. Die aufkommende Motorisierung in der Nachkriegszeit ließ die Destination zunehmend in greifbare Nähe rücken.

Damals wie heute verspricht der Neusiedler See Badefreuden in natürlichem Gewässer. Wobei „natürlich“ nicht mit glasklar verwechselt werden darf. Der Neusiedler See präsentiert sich anders als unsere alpinen Seen: Sein Wasser ist trüb, dabei aber ökologisch rein. Es handelt sich um einen sogenannten Steppensee: Er wird durch keinen Flusszulauf, sondern durch natürlichen Niederschlag gespeist.

Austrocknung des Sees

Schwache und starke Regenzeiten wechseln sich ab, und so war gerade in früheren Zeiten der Wasserstand des Neusiedler Sees nie konstant. Ja, in manchen Jahren war der See sogar ganz ausgetrocknet, so etwa 1777 und 1865 bis 1870. Seit dem Bau des Einserkanals Anfang des vorigen Jahrhunderts haben die Schwankungen ein Ende gefunden. Ironie der Geschichte: Der Kanalanschluss erfolgte, um den See endgültig auszutrocknen – und just ihm verdankt er sein Überleben.

Heute, da wir die Einmaligkeit dieses Steppensees bewundern, können wir uns kaum noch vorstellen, dass einmal ernsthaft darüber diskutiert wurde, den See zu opfern und das Gebiet als landwirtschaftliche Fläche zu nutzen. Diese Idee konnte sich nicht durchsetzen, genauso wenig wie eine andere aus den 1970er Jahren, die gewissermaßen in die entgegengesetzte Richtung zielte und eine extensive Erschließung und Nutzung des Sees vorsah: eine Straßenbrücke sollte quer über den See gebaut werden und so den Wiener auf schnellstem Weg ins Wochenendvergnügen bringen. Vielleicht hätte das nur auf dem schnellsten Weg zum Niedergang des Naherholungsgebiets geführt.

Heute befindet sich der Neusiedler See im Zentrum von Europa. Lange Zeit war er allerdings zu einem Dasein an der Peripherie verdammt. Mitten durch den See verlief die Grenze zwischen Österreich und Ungarn, zwischen dem Westen und dem Osten, hier trafen also beide Machtblöcke direkt aufeinander. Die Randlage und die Einzigartigkeit der Landschaft – der Schilfgürtel um den See ist nach dem Donaudelta der größte in Europa – begünstigten, dass seltene Tierarten hier heimisch wurden. Kein Wunder, dass 1950 in dieser Gegend das erste und von vielen Naturkundlern lang ersehnte Forschungsinstitut errichtet wurde.

Nicht nur viele bedrohte Tierarten fanden hier ein willkommenes Rückzugsgebiet, sondern auch viele Künstler. Die Häuser waren billig, die Landschaft dünn besiedelt. In Breitenbrunn gründete sich eine Künstlerkolonie, mit von der Partie war unter anderem Peter Noever, der frühere Direktor des Museums für Angewandte Kunst.

Die Region befindet sich aktuell im Wandel. Wo einst der Doppler abgefüllt wurde, haben nun Edelwinzer das Sagen. Der Eiserne Vorhang ist niedergerissen und die Grenze heute problemlos zu passieren. Das Naherholungsgebiet hat an Attraktivität gewonnen.

 

Wien Museum: Ausstellung „Neusiedler See. Das Meer der Wiener“ bis 23. Oktober 2011, Karlsplatz, 1040 Wien

Von W. Müller , Ärzte Woche 29/33/2011

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