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Fotos (4): Maria Lassnig
Du oder ich (You or Me), 2005.
 
Leben 20. März 2009

Die Grande Dame der österreichischen Malerei

Ausstellung im MUMOK: „Maria Lassnig. Das neunte Jahrzehnt“.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Spät, aber doch hat Maria Lassnig den Durchbruch geschafft. Anlässlich ihres 90. Geburtstags widmet das Wiener Museum für Moderne Kunst (MUMOK) der Künstlerin eine Personale.

Wir sehen eine nackte Frau vor einem hellen leeren Grund. Ihre Augen sind weit aufgerissen, der Mund steht offen, aus Verkrampfung und Verwunderung zugleich, die Beine sind gegrätscht und entblößen ihr Geschlecht. Mit der linken Hand hält sie eine Pistole an die eigene Schläfe, mit einer zweiten Pistole zielt sie auf den Betrachter. Ein drastisches und brutales Bild, das vor allem durch die demonstrative Entschlossenheit der Dargestellten bei gleichzeitiger Insichgekehrtheit verunsichert und provoziert.

Man könnte meinen, das ist das Werk eines jungen Wilden. Aber nein, es ist das einer über 80-jährigen Künstlerin, nämlich von Maria Lassnig. Die österreichische Künstlerin hat dieses Werk mit dem Titel „Du oder ich“ 2005 gemalt. Im September dieses Jahres wird Lassnig 90 Jahre alt, aus diesem Anlass widmet ihr das Museum für Moderne Kunst (MUMOK) in Wien eine Ausstellung.

Unsere Gesellschaft altert. Bald wird die Generation 50+ die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Diese demographische Entwicklung wird von vielen als eine Gefahr dargestellt. Doch vielleicht besteht überhaupt kein Grund zur Sorge. Vielleicht wendet sich sogar vieles zum Besseren, wenn die Alten das Sagen haben, möglich, dass unser Leben dann eine Spur ruhiger und besonnener wird.

Den Alten das Sagen lassen

Die augenblickliche Finanzkrise hat es schon mit sich gebracht, dass der agile, flexible, dynamische Manager als Leitfigur abgedankt hat. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, genießt der Banker in England inzwischen dasselbe Ansehen wie ein Kinderschänder – bei uns geht es ihm noch vergleichsweise gut, da gilt er „nur“ als gewissenloser Abkassierer.

Der weise, besonnene, nachdenkliche Alte als neuer Taktgeber für unser Leben – das ist nicht die schlechteste Aussicht. Und Alter muss gar nicht, wie einige meinen, automatisch Hinfälligkeit und Siechtum bedeuten. Das Alter schließt im Gegenteil keineswegs geistige Frische aus. Das beste Beispiel dafür ist Lassnig.

Die aktuelle Ausstellung im MUMOK ist nicht etwa eine Retrospektive, sondern sie konzentriert sich mit rund 60 Gemälden aus den letzten zehn Jahren auf das von malerischer Verve, konsequenter Eigenwilligkeit und ungebrochener Erfindungskraft geprägtes Spätwerk der Künstlerin.

Innere Befindlichkeiten

Schon früh hatte Lassnig zu ihrem unverwechselbaren Stil gefunden. Sie selbst prägte dafür den Begriff „Körpergefühlsmalerei“. In ihren zahllosen Porträts ging es ihr weniger um anatomische Genauigkeit als darum, innere Befindlichkeiten darzustellen. Um die Umsetzung von Schmerz, Trauer, Freude, Alter, Krankheit in Formen und Farben. So fand sie zu ihrem eigenen Ausdruck, der sich zwischen Abstraktion und Figürlichkeit bewegt. Im eigenartigen Kontrast zum Pathos ihrer expressiven Malerei stehen ihre Bildtitel, die ganz schlicht sind. Sie lauten „Der Biologe“, „Die gelbe Hand“ oder „Die Trauer“.

Lassnig wurde am 8. September 1919 in Kappel am Krappfeld (Kärnten) geboren. Sie studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Das Mädel vom Land machte sich in den 1960er Jahren auf in die große weite Welt, lebte mehrere Jahre erst in Paris, dann in New York. Wieder zurück in ihrer Heimat, erhielt sie eine Akademieprofessur – als erste Frau im deutschsprachigen Raum überhaupt.

Späte Anerkennung

Vor zwanzig Jahren kostete ein Bild von Lassnig etwa 7.000 Euro, inzwischen kostet es 300.000 Euro. Heute ist sie unbestritten die Grande Dame der österreichischen Malerei. Doch warum glückte ihr der Durchbruch erst so spät?

Matthias Dusini macht dafür im Falter zwei Gründe geltend: Erstens, weil sie eine Frau sei – und die sei auch im Kunstbetrieb gegenüber den Männern nach wie vor benachteiligt. Und zweitens, weil es in Österreich traditionell an einer Offenheit gegenüber der modernen Kunst fehle. „Hierzulande gab es weder einen Kult um die Kunst noch einen Kult um die Künstler, sodass das Klischee vom hungernden Künstler existenzielle Bedeutung bekam. In Deutschland, Italien oder Amerika interessierte sich die High Society für Künstler wie Jackson Pollack oder Yves Klein, in Wien allenfalls der Staatsanwalt“, schreibt Dusini. Die Situation hat sich mittlerweile etwas gebessert – ein Indiz dafür ist nicht zuletzt die große Lassnig-Ausstellung.

 

MUMOK: Ausstellung „Maria Lassnig. Das neunte Jahrzehnt.“

Museumsplatz 1, 1070 Wien, bis 17. Mai.2009

Fotos (4): Maria Lassnig

Du oder ich (You or Me), 2005.

3 Arten zu sein (3 Ways of Being), 2004.

Selbst mit Meerschweinchen (Self with Guinea Pig), 2000/2001.

Was weiter? (What‘s on?), 2007.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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