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Fotos (4): www.albertina.at
Abb. 4: Eadweard Muybridge – Pferd mit Reiter, um 1887.
 
Leben 20. März 2009

Der „Zeichenstift der Natur“

Revolutionäre wissenschaftliche Fotos in der Albertina: Fotografie und das Unsichtbare (1840–1900).

Wenn Sie schon immer das Röntgenbild der rechten Hand des russischen Zaren Nikolaus II. mit einem Manschettenknopf oder das seiner Gemahlin mit Ringen und Armbändern sowie den fluidischen Nimbus des Daumens eines Mediums und die Aura Verstorbener oder kunstvolle Geisterporträts bewundern wollten, ist die Ausstellung „Fotografie und das Unsichtbare“ in der Wiener Albertina ein Pflichttermin. Spaß beiseite. Abgesehen von den eher skurrilen Details bietet die Schau in der Albertina sensationelle Einblicke in die Anfänge der wissenschaftlichen Fotografie. Zu sehen ist sie bis 24. Mai 2009 (s. Kasten ).

 

Schon bei der Vorstellung der neuen Erfindung der Fotografie im Sommer 1839 in Paris wies der französische Astronom und Physiker François Arago auf die vielen möglichen Anwendungsbereiche der Fotografie in der Wissenschaft hin. Tatsächlich feierten bald darauf Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen die Fotografie als sensationelles neues Werkzeug der Forschung. Als Instrument, das es unter „Ausschaltung der Hand des Zeichners“ möglich macht, Dinge „objektiv“, also ohne Verfälschungen wiederzugeben.

Bald konnte auch der Blick in die unendliche Weite des Kosmos, aber auch das Winzigkleine fotografisch ebenso fixiert werden wie Einblicke in das dem menschlichen Auge bisher unsichtbare Innere des tierischen oder menschlichen Körpers (s. Abb. 1). Vor allem das Unsichtbare erregte und beschäftigte damals sowohl Fachleute als auch Laien. Noch 1896 gab es Menschen, die sich während einer Röntgendemonstration bekreuzigten und verstört flüchteten.

Über 250 Objekte ausgestellt

Die umfangreiche, über 250 Objekte umfassende Ausstellung in der Albertina zeigt historische Fotografien aus der Zeit von 1840 bis 1900. Von frühesten Daguerrotypien von Pflanzenstän-geln (s. Abb. 2), hergestellt mit dem Sonnenmikroskop – wie bei einem Diaprojektor wurde mit der Sonne als Lichtquelle das stark vergrößerte Bild des Objekts an eine Wand projiziert und dort auf einem fotosensiblen Papier fixiert – über für heutige Begriffe eher unspektakuläre Mikrofotos von Milben, Kieselalgen, Fliegen und natürlich auch Flöhen bis zu den sensationellen Röntgenbildern von Fischen, Echsen und Fröschen von Josef Maria Eder und Eduard Valenta (s. Abb. 3) aus der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien reicht die Palette der ausgestellten Objekte.

Zu den interessantes-ten Stücken der Ausstel-lung zählen wohl die astronomischen Fotografien, welche allerdings erst nach deutlicher Verbesserung des Materials noch nie gesehene Bilder aus dem Weltall lieferten und die – etwa ab 1870 – durch extrem kurze Belichtungszeiten möglichen Momentfotografien von überschallschnellen Geschossen und deren Luftwellen des Österreichers Ernst Mach, nach dem heute ja die Einheit für die Überschallgeschwindigkeit benannt ist.

Mit neuen Techniken bewegte Bilder ablichten

Bilder aus den Anfängen der Farbfotografie und Porträts auf belichteten ausgebleichten Laubblättern beeindrucken ebenso wie die berühmten Serien von Einzelbildern des britischen Fotografen Eadweard Muybridge, der mit einem überaus komplizierten Stolperdrahtmechanismus seine 12 bis 24 Fotoappa- rate auslöste und so bewegte Ob- jekte ablichtete. Mit seinen spektakulären Fotos bewies er unter anderem, dass Pferde im Galopp alle vier Hufe in der Luft hatten (s. Abb. 4). Das war zwar nichts Weltbewegendes, aber damals schon eine Sensation, die die Welt in Staunen ver-setzte. Mit seinen Versuchen, solche Einzelbilder wieder zu einem kontinuierlichen Ganzen zusammenzusetzen, legte der französische Physiologe und Erfinder Étienne-Jules Marey letztendlich die Basis für die Erfindung der Kinematografie.

Eindrucksvoll werden im Rahmen dieser spannenden Ausstel-lung frühere Fotografien demonstriert, von denen viele noch nie in Österreich gezeigt wurden. Dabei zeigt sie nicht nur, wie im 19. Jahrhundert die unterschiedlichsten Zweige der Wissenschaft vom Einsatz der Fotografie profitierten, sondern demonstriert auch anschaulich, dass die Fotografie tatsächlich vom Augenblick ihrer Erfindung im Jahr 1839 ein Werkzeug der Forschung und Wissenschaft war.

Kasten:
Ausstellung in der Albertina
Fotografie und das Unsichtbare 1840–1900
11. Februar bis 24. Mai 2009
Öffnungszeiten: täglich 10:00–18:00 Uhr und Mi 10:00–21:00 Uhr
Albertina Wien Albertinaplatz 1, 1010 Wien Tel: +43 (01) 543 83-0
E-Mail:
Führungen: Sa, So und an Feiertagen um 15:30 Uhr, Mi 18:30 Uhr
Tel: +43 (01) 534 83-540
E-Mail:
Fotos (4): www.albertina.at

Abb. 4: Eadweard Muybridge – Pferd mit Reiter, um 1887.

Abb. 2: Andreas Ritter von Ettingshausen – Querschnitt durch den Stängel einer Clematis, 4. März 1840. © Albertina, Wien.

Abb. 3: Josef Maria Eder und Eduard Valenta – Chamäleon Cristatus, 1896.

Abb. 1: Henri van Heurck – Röntgenaufnahme einer Hand mit Ring, 1896. © Leihgabe der Galerie GERARD-LEVY, Paris.

Von Dr. Wolfgang Regal, Ärzte Woche

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