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Foto: Kunstsammlung Goetheanum
Eine Wandtafelzeichnung, wie sie Rudolf Steiner für eine seiner zahlreichen Vorträge angefertigt hat – heute ein wertvolles Museumsstück, für manche auch ein wertvolles Kunstwerk.
Foto: Otto Rietmann Foto: Wolfgang Woessner / MAK

Das Gesamtwerk von Rudolf Steiner umfasst mehr als 300 Bände – in der Wiener Ausstellung bilden sie eine bunte Wand.

 
Leben 5. Juli 2011

Universalgenie oder genialer Eklektiker?

Museum für angewandte Kunst: „Rudolf Steiner. Alchemie des Alltags“.

Vor 150 Jahren wurde Rudolf Steiner geboren, der Begründer der anthroposophischen Medizin und der Waldorfschulen. Das Museum für angewandte Kunst in Wien widmet dem Lebensreformer aktuell eine umfassende Retrospektive.

 

In den Jahren 1910 bis 1913 schrieb er vier so genannte Mysteriendramen. Typisch für Rudolf Steiner (1861–1925). Mit Theaterstücken herkömmlicher Art wollte er sich nicht zufrieden geben. Er wollte Neues schaffen, Theaterstücke, die sowohl in inhaltlicher wie auch formaler Hinsicht größer und gewaltiger waren als alles, was es bisher gab. Ein Avantgardist und Bilderstürmer, und das nicht nur auf dem Gebiet des Theaters. Steiner propagierte so gut wie in allen Lebensbereichen einen Umbruch und eine Neuausrichtung, von der Architektur bis zur Medizin.

Ein begnadeter Visionär oder eher der „große Irre der deutschen Geistesgeschichte“, wie ihn jüngst die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete? Ein Universalgenie oder ein genialer Eklektiker? Wer war dieser Mensch, der heute genauso umstritten ist wie zu Lebzeiten? Das Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) versucht, rechtzeitig zum 150. Geburtstag des Meisters, mit der Ausstellung „Rudolf Steiner. Alchemie des Alltags“ eine Antwort zu geben.

Steiner kam am 27. Februar 1861 im österreichisch-ungarischen Kraljevec (heute Kroatien) als Sohn eines Bahnbeamten auf die Welt. Das klingt nach kleinbürgerlichen Verhältnissen, doch man darf nicht vergessen, dass zu jener Zeit die Bahn das fortschrittlichste Verkehrsmittel war. Etwas von der zu jener Zeit aufkommenden Technikbegeisterung muss auf Steiner abgefärbt haben: Er ging mit 18 Jahren nach Wien, um an der heutigen Technischen Universität Naturwissenschaften zu studieren. Allerdings genügte ihm das schon damals nicht, er suchte nach einer Vereinbarkeit von Natur- und Geisteswissenschaften: So besuchte er außerdem philosophische und literaturwissenschaftliche Vorlesungen. Sein großes Vorbild: Johann Wolfgang von Goethe – auch der Dichter war zugleich ein großer Naturforscher, dessen umfangreichstes Werk nicht etwa Faust ist, sondern die Farbenlehre.

Was hält die Welt im Innersten zusammen? Diese Frage stellt sich Goethes Faust, und die stellte sich auch Steiner, ja, sie wurde zur zentralen Leitfrage für sein späteres Wirken und Leben. Er wagte sich damit quasi an das Unmögliche. Zunächst fand Steiner seine geistige Heimat in der Theosophischen Gesellschaft, später begründete er die Anthroposophie, eine gnostische Weltanschauung, die, wie Wikipedia schreibt, „an die christliche Theosophie, das Rosenkreuzertum sowie die idealistische Philosophie anschließt“. Einer, der sich nicht scheut, auf die letzten Fragen Antworten zu geben, gilt fast zwangsläufig für die einen als großer Denker, für die anderen als gemeiner Scharlatan.

Die Wiener Ausstellung, eine erweiterte Präsentation der Schau des deutschen Vitra Design Museum, möchte kein letztes Urteil über Steiner abgeben. Ihr geht es vielmehr darum, den Schaffensreichtum dieser Person vorzuführen, einen Schaffensreichtum, der sich auf die unterschiedlichsten Gebiete erstreckte und uns heute, in unserer spezialisierten Welt, geradewegs fremd vorkommen muss. Das Gesamtwerk von Steiner umfasst immerhin über 300 Bände und zeit seines Lebens soll er über 5.000 Vorträge gehalten haben. Er korrespondierte mit dem Naturforscher Ernst Haeckel, traf sich mit Franz Kafka und saß mit Rosa Luxemburg auf derselben Rednertribüne. In jedem Fall: ein Tausendsassa in allen Gassen.

Mancher mag sich wundern, dass Steiner gerade in einem Kunstmuseum gewürdigt wird. Die Antwort ist einfach: Der Lebensreformer verstand sich ebenfalls als Künstler. Oben haben wir es bereits erwähnt: Er verfasste Theaterstücke. Außerdem konzipierte er, was kaum bekannt ist, Möbel. Die Ausstellung zeigt ein Bett von ihm: aus Vollholz, insofern erscheint es 100 Jahre nach seiner Herstellung nach wie vor oder schon wieder modern. Doch es ist so wuchtig und klobig, dass es den heutigen Betrachter kaum überzeugen kann.

Für Steiner gab es nicht die Trennung: hier das Leben, dort die Kunst. Für ihn gehörte beides zusammen. Einmal bezeichnete er auch die Erde als „größtes Gesamtkunstwerk“. Steiner sah das Kleine im Großen und das Große im Kleinen. Daher darf es nicht verwundern, dass er sich auch zur Pädagogik äußerte. 1907 veröffentlichte er den Aufsatz Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, der zunächst ohne größeres Echo blieb. Als Steiner rund zehn Jahre später in einem Vortrag unter anderem den Wert der frühen musikalischen Erziehung des Kindes betonte, war ein gewisser Emil Molt derart begeistert, dass er umgehend beschloss, für die Kinder seiner Arbeiter eine Schule zu bauen, in denen sie just nach den pädagogischen Prinzipien des Meisters unterrichtet werden sollten. So kam es 1919 zur ersten Waldorfschule, in Stuttgart, heute gibt es über tausend in der ganzen Welt. Der Name Waldorfschule rührt im Übrigen daher, dass Molt der Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Deutschland war.

So wie die Waldorfschulen nicht mehr aus der Welt, so sind auch Demeter-Produkte nicht mehr aus Bio-Läden wegzudenken, jene Produkte, die streng nach den Prinzipien des biologisch-dynamischen Landbaus hergestellt werden. Als deren geistiger Vater kann ebenfalls Steiner bezeichnet werden. Er war es, der den Verzicht auf jeglichen chemischen Einsatz in der Landwirtschaft propagierte, stattdessen sollten die Bauern den Regelungskräften der Natur vertrauen. Eine Forderung, die damals, in der Euphorie des technischen Aufbruchs, recht fremd geklungen haben mag, heute aber wieder aktuell ist.

Die Ideen von Steiner wirken fort, auch in der Medizin. Er begründete die anthroposophische Medizin, eine Form des ganzheitlichen Ansatzes. 1921 wurde in Arlesheim die erste anthroposophische Klinik gegründet. Die beiden pharmazeutischen Unternehmen Weleda und Wala halten sich bei der Herstellung ihrer Produkte wie einst weitgehend an das traditionelle Prinzip: eine pflanzliche Urtinktur wird nach anthroposophisch-homöopathischen Verfahren potenziert.

Potenzieren als Herstellungsverfahren? Mancher Pharmazeut mag da nicht nur die Stirn in Falten legen, sondern energisch mit dem Kopf schütteln. Unseriös! Steiner polarisiert, er hat ebenso fanatische Anhänger wie fanatische Gegner. Das Museum kann das nur freuen, es darf mit Interesse rechnen. Die Ausstellungsmacher haben eigens einen Raum mit Zeitungsartikeln an der Wand eingerichtet, die die unterschiedlichen Positionen wiedergeben. Und nicht nur das, ergänzt wird die Ausstellung durch eine ausführliche Gesprächsreihe. Die Diskussion ist frei gegeben!

 

Museum für angewandte Kunst:
Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags
Ausstellung bis 25. September 2011
Weisskirchnerstr.3
1010 Wien

Von W. Müller , Ärzte Woche 27/28/2011

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