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Foto: Wolfgang Regal
Die Österreichische Kaiserlich-Königliche Armee führte für die Opfer von Stromunfällen speziell ausgestattete Rettungskoffer mit sich.
Foto: Technisches Museum Wien

Der Sekundararzt Dr. Stefan Jellinek, 1871 bis 1968, betrieb seine Studien nicht am Schreibtisch, sondern direkt am Ort der Stromunfälle.

Foto: Wolfgang Regal

Jellinek trug eine bunte Sammlung zusammen, so auch dieses vom Blitz betroffene Augenpaar.

Fotos (4): Sammlung des Elektropathologischen Museums

Die Menschen verunglückten an unterschiedlichsten Stellen: in der Badewanne, an der Steckdose, an der Stromleitung, beim Straßenbau.

 
Leben 21. Juni 2011

„Unter Strom“

Stefan Jellinek und die „dunkle“ Seite der Elektrizität.

Einzigartig sind die Objekte der aktuellen Sonderausstellung im Wiener Technischen Museum „Unter Strom“. Schöne alte Autos und Lokomotiven hat bald ein Museum zu bieten, derartige Objekte von Stromunfällen gibt es aber nur in Wien. Denn hier war jahrzehntelang das „Elektropathologische Museum“ ein Geheimtipp für Museumstouristen und Freunde ausgefallener Sammlungen. Nach der Schließung dieses weltweit einmaligen Museums im Jahr 2002 übergab die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) die Objekte der berühmten Sammlung des Wiener Arztes Dr. Stefan Jellinek (1878–1968) dem Technischen Museum. Die Feuchtpräparate kamen aus konservatorischen Gründen ins Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum im Narrenturm. Große Teile der Sammlung sind im Technischen Museum bis 31. Mai kommenden Jahres zu sehen.

 

Die Elektrizität war Ende des 19. Jahrhunderts das Sinnbild des Fortschritts. Nach den Weltausstellungen in Paris 1881 und Wien 1883 trat die damals neue Technologie ihren Siegeszug um den Globus an. Ebenso rasant vermehrte sich aber auch die Zahl der Unglücksfälle mit dieser neuen technologischen Möglichkeit. Bereits 1885 gab es in Paris den ersten tödlichen Unfall durch elektrischen Strom. Die Elektrizitätswirtschaft – wie sich die Zeiten doch ähneln – spielte die Gefahren des Stroms herunter. Verbesserungen von Sicherheitseinrichtungen kosteten damals wie heute viel Geld und schmälerten damals wie heute den Profit. Die Ärzte konnten mit den Schädigungen durch die Elektrizität zunächst nicht viel anfangen. Berichte über Verletzungen und Todesfälle durch Blitze gab es zwar schon seit der Antike, aber über die Todesursachen herrschte völlige Unklarheit. Da auch die Obduktionsergebnisse keine verwertbaren Aussagen lieferten, gingen die Meinungen darüber weit auseinander. Nur über eines waren sich alle einig: Ein Stromschlag von einer bestimmten Intensität galt als absolut tödlich. Wiederbelebungsmaßnahmen brauchten daher erst gar nicht begonnen werden.

Einsatz am Unfallort

Das war jedenfalls der Wissensstand, als ein junger Sekundararzt im Wiedener Spital im 4. Wiener Gemeindebezirk seine Forschungen über Elektrounfälle bei den Wiener Elektrizitätsarbeitern aufnahm. Sein Name wurde bald weltbekannt: Stefan Jellinek (1871–1968). Jellinek betrieb seine Studien nicht im Labor oder am Schreibtisch. Bei jedem Elektro-Unfall, sei es im Haushalt, bei Starkstromarbeiten oder bei Unfällen durch Blitz, erschien er am Unfallort, um zu helfen. Durch seine völlig selbstlose Tätigkeit – er erhielt seine Einsätze nicht bezahlt – wurde Jellinek bei den Arbeitern in Wien bald zu einer Berühmtheit. Wegen der oft spektakulären Erfolge, die er bei seinen Einsätzen hatte, hielt man die Gefahr für Leib und Leben schon fast für überwunden, wenn er am Unfallort nur auftauchte.

Erfahrungssammlung

Bei seinen zahlreichen Einsätzen sammelte er nicht nur Erfahrungen über die Ursachen von Unfällen. Unermüdlich sicherte er auch Material für sein später so umfangreiches und einmaliges Museum. Bald machten ihn seine Veröffentlichungen und Bücher, in denen er die herrschenden Lehrmeinungen zu Elektrounfällen zertrümmerte, auf der ganzen Welt bekannt. So behauptete er, dass die meisten der durch Starkstrom Verunglückten, die man allgemein für tot hielt, nur scheintot seien.

Durch unermüdlich durchgeführte künstliche Beatmung und Wiederbelebung, selbst bis zum Zeitpunkt des Auftretens von Leichenflecken, könnten sie oft wieder zum Leben erweckt werden. Erst nachdem es Jellinek und auch anderen Ärzten immer wieder gelang, Tote – manche befanden sich sogar schon im Leichenhaus – spektakulär zum Leben zu erwecken, setzte sich seine Auffassung weltweit durch.

Das zweite Dogma betraf die Amputation von elektrisch verletzten Extremitäten. Jellinek konnte nachweisen, dass durch Blitz oder Starkstrom verbrannte oder zerstörte Gewebe eine bessere Heilungstendenz hatten als normale Verbrennungen oder Verletzungen. Fast nie kam es zu schweren Infektionen oder Sepsis. Die Chirurgie konnte daher zunächst konservativ behandeln und es musste nicht wie üblich sofort amputiert werden. Gemeinsam mit dem Chirurgen Anton von Eiselsberg rettete Jellinek so vielen Patienten deren Gliedmaßen.

Elektropathologie

Im Jahr 1929 erhielt Jellinek schließlich eine eigene Lehrkanzel für Elektropathologie an der Wiener Universität. Sie war weltweit die erste und einzige. Im Jahr 1936 wurde im Allgemeinen Krankenhaus sein Lieblingsprojekt, das „Elektropathologische Museum“ glanzvoll eröffnet. Hier schuf Jellinek mit seinen seit Jahrzehnten gesammelten Objekten von Stromunfällen „lebenswahre Bilder“, die gleichsam für sich selbst sprachen und dem Besucher sowohl die Aufgaben elektropathologischer Forschung als auch die Gefahren des elektrischen Stroms „sichtbar“ und „begreifbar“ machen sollten.

Im Jahr 1938 vertrieben die Nazis Jellinek aus Österreich. In Oxford fand er eine neue Heimat. Nach dem Krieg kam er wieder regelmäßig nach Wien. Dann wohnte und schlief er inmitten seiner Schätze im alten Garnisonspital auf einem Feldbett. Noch als 90-Jähriger hielt er an der Technischen Universität Wien Vorlesungen über elektrische Unfälle. Jellinek starb am 2. September 1968 in Edinburgh.

Ausstellung im Technischen Museum in Wien

Die kleine, aber feine Ausstellung im Technischen Museum bietet neben Dokumenten und Fotos zur Biografie des Begründers der Elektropathologie ausgewählte Beispiele typischer Elektrounfälle aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zeigt, wie akribisch der Forscher und leidenschaftliche Sammler Jellinek diese Fälle aufarbeitete, gegebenenfalls bis zur Heilung dokumentierte, dazu Objekte, Zeitungsmeldungen und Unfallberichte sammelte und aus didaktischen Gründen zu den Unfällen Grafiken, Fotografien und Moulagen herstellen ließ. Pionierarbeit bei der Unfallverhütung leistete er sowohl durch sein Museum als auch durch Publikationen, wie sein Buch Elektroschutz in 132 Bildern, in dem er drastisch und einprägsam die Gefahren der Elektrizität darstellte. Ein Bereich der Ausstellung ist einer Auswahl dieser plakativen Grafiken gewidmet. Schädigungen durch Blitz, Hochspannungsunfälle aus jüngerer Zeit sowie aktuelle Schutzeinrichtungen wie etwa das riesige Funktionsmodell eines Fehlerstromschutz-Schalters und die Möglichkeit, mit einem medizinischen Reizstromgerät unterschiedlichste Arten von Strom gefahrlos zu „spüren“, vervollständigen diese „elektrisierende“ Schau.

Aktuelle Ausstellung
unter strom
Elektrotechnik + Pathologie
02.06.20 bis 31.05.2012 im Bereich Energie

Technisches Museum Wien
Mariahilfer Straße 212, 1140 Wien
Öffnungszeiten
Mo - Fr: 9 - 18 Uhr
Sa, So & Feiertag: 10 - 18 Uhr
Geschlossen: 1.1., 1.5., 1.11., 25. & 31.12.
www.technischesmuseum.at

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 25 /2011

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