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Fotos (2): Patrik Budenz
Im Sektionssaal: Mediziner suchen nach Indizien, die der Aufklärung eines Verbrechens dienen.

Zum Werkzeug der Gerichtsmediziner gehören unter anderem Zangen und Sägen.

Quaestiones medico-legales Hinter den Kulissen der Rechtsmedizin Patrik Budenz 160 Seiten, € 28,00 87 Schwarz-Weiß-Abbildungen Peperoni Books, 2011 ISBN 9783941825215

 
Leben 7. Juni 2011

Im Sektionshaus

Ausstellung: „Vom Tatort ins Labor – Rechtsmediziner decken auf“.

Rippen durchtrennen, Schädel aufschneiden, Eingeweide herausholen – das gehört zur täglichen Arbeit der Gerichtsmediziner. Eine ebenso unschöne wie auch wertvolle Arbeit, die der Auflösung von Gewaltverbrechen dient. Patrik Budenz hat diese Arbeit im Berliner rechtsmedizinischen Institut fotografisch festhalten können.

 

„Willst du denn wirklich so etwas fotografieren?“, das fragte ihn seine Familie. Doch Patrik Budenz war sich ganz sicher. Ja, er wollte eine Fotodokumentation über die Arbeit der Rechtsmediziner machen, über jene Tätigkeit, die weitgehend im Verborgenen geschieht.

Auch die Rechtsmediziner – oder wie sie bei uns traditionell heißen: die Gerichtsmediziner – befassen sich mit Krankheiten, allerdings nicht bei lebenden Menschen. Sondern bei Toten. Im Unterschied zu den Pathologen dient ihre Arbeit der Auflösung von Gewaltverbrechen.

Zum Werkzeug der Rechtsmediziner gehört unter anderem auch die elektrische Kreissäge, mit der sich Schädel öffnen lassen. Nichts für sensible Gemüter. In Fernsehserien werden diese Mediziner gerne als skurrile Persönlichkeiten dargestellt. Doch es sind ganz gewöhnliche Menschen, so wie du und ich, das schreibt zumindest Budenz, der vier Jahre lang die Arbeit im Berliner rechtsmedizinischen Institut mit der Kamera dokumentieren konnte.

Der Fotograf war dabei, wenn die Mediziner zu einem Leichenfundort gerufen wurden. Oder sie eine Leiche von oben bis unten öffneten. Oder sie sich zu einer Besprechung zusammensetzten.

Sich an den Geruch gewöhnen

„Versuchen Sie nicht gegen die Gerüche anzukämpfen. Atmen Sie lieber sofort ein. Dann gewöhnt man sich leichter daran“, diesen Tipp gaben die Berliner Rechtsmediziner Budenz, dem Neuling und Fachfremden. Und er solle sich sofort an die frische Luft begeben, wenn es ihm schlecht oder schwindelig würde. Denn im Fall einer Ohnmacht würde er unweigerlich auf harten, nämlich gefliesten Boden fallen, was nicht zuletzt von Nachteil für seine Kameraausrüstung wäre.

Tabu Leichenöffnung

Budenz ist es im Sektionshaus kein einziges Mal schlecht geworden. Dabei stellt der Anblick von Leichen, die in ihre Einzelteile zerlegt werden, eine besondere Herausforderung dar, selbst für Mediziner nach jahrelanger Tätigkeit. Mit der Leichenöffnung wird eine Tabugrenze überschritten. Mediziner helfen sich üblicherweise damit, dass sie sich in ihrer Arbeit immer nur auf das Detail konzentrieren, das untersucht gehört. Und es gilt bei ihnen die Regel: Nie dem toten Menschen in die Augen schauen!

Budenz machte Schwarzweißaufnahmen, die nun im Deutschen Medizinhistorischen Museum, Ingolstadt, unter dem Titel „Vom Tatort ins Labor – Rechtsmediziner decken auf“ zu sehen sind, dazu ist ein Bildband im Berliner Peperoni Books Verlag erschienen.

Man betrachtet die Fotos nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der man etwa ein Fotoalbum durchblättert. Ein durchtrenntes Hirn – natürlich schaudert einem bei diesem Anblick. Die Fotos zeigen, was der gewöhnliche Mensch üblicherweise nicht zu sehen bekommt. Bei dem Fotografen selbst hat diese Arbeit, wie er im Katalog schreibt, zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Tod geführt. Was ihm allerdings nach wie vor im Ohr ist und woran er sich im Sektionshaus nie gewöhnen konnte, ist das leise Knirschen, das zu hören ist, wenn die Rippen beim Öffnen des Brustkorbs durchtrennt werden.

 

Deutsches Medizinhistorisches Museum: „Vom Tatort ins Labor – Rechtsmediziner decken auf“. Ausstellung bis 11.09.2011, Ingolstadt, Turm Triva im Klenzepark, Regimentstr. 28

Von Mag. Wenzel Müller , Ärzte Woche 23 /2011

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