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Foto: Mag. Wenzel Müller
Weiß und zart, weich und reißfest: So ist das perfekte Papiertaschentuch. Foto: Mag. Wenzel Müller
 
Leben 12. März 2009

„Hast du vielleicht einmal ein Tempo für mich?“

Schutz vor Selbstansteckung: Am 29.1.1929 wurde das Papiertaschentuch zum Patent angemeldet.

Ein Wegwerfartikel feiert seinen 80. Geburtstag, gegen den Umweltschützer nichts einzuwenden haben und der sogar von Medizinern ausdrücklich empfohlen wird: das Taschentuch aus reiner Zellulose.

 

„Hast du ein Tempo für mich?“ Das fragen wir schnell einmal. Und sehen die Sache eigentlich gar nicht so eng. Es darf auch ein „Soft & Sicher“ oder „Zewa Softi“ oder „Feh“ sein. Hauptsache, ein Taschentuch. „Tempo“ gilt heute als Synonym für eine ganze Produktgattung, ähnlich wie Uhu oder Tesa – der Fachmann spricht hier von einem Deonym.

„Nie mehr waschen“

Die besondere Stellung von Tempo ist leicht erklärt: Dieses Produkt läutete die Ära der Papiertaschentücher ein, und zwar vor genau 80 Jahren. Am 29. Januar 1929 wurde das erste deutsche Papiertaschentuch beim Reichspatentamt in Berlin angemeldet, mit der Nummer 407752.

Als Erfinder gilt Oskar Rosenfelder, Mitinhaber der Vereinigten Papierwerke Nürnberg. Mochte er auch von seiner Idee überzeugt gewesen sein, er hätte sich sicherlich nicht träumen lassen, dass später einmal allein in Österreich jährlich 5,5 Milliarden Taschentücher verputzt werden würden, wie es heute der Fall ist.

Rosenfelder lebte in einer Zeit, als man sich erst an den Gedanken gewöhnen musste, einen Gebrauchsgegenstand einfach wegzuwerfen. Am Anfang hatte es das Papiertaschentuch nicht leicht, Fuß zu fassen. Schließlich musste es sich gegen das feine Stofftaschentuch durchsetzen. Es bedurfte umfangreicher Werbung, um die Bevölkerung von den Vorzügen des neuen Hygiene-Produkts zu überzeugen.

Die Zeitumstände waren dafür günstig. In den Zwanzigerjahren bekam die Freizeit einen hohen Stellenwert. Die Leute gingen aus, fuhren Rad, trieben Gymnastik. Auch die Frauen wollten Spaß haben und sich nicht länger als nötig den lästigen Haushaltspflichten widmen. So stand auf den ersten Tempo-Packungen „Nicht mehr waschen“. Und das Wort „hygienisch“. Wer in ein Stofftaschentuch schnäuzt und das anschließend in die warme Hosentasche steckt, verschafft den Keimen optimale Bedingungen für deren Vermehrung. Wer dagegen ein Papiertaschentuch benutzt und es daraufhin wegwirft, entledigt sich auf diese Weise den Krankheitsverursachern. Diese Botschaft galt es unter die Leute zu bringen, daher dominierte der Gesundheitsaspekt in der frühen Werbung.

Luxusgegenstand Stofftuch

Ein Mensch erlebt in seinem Leben durchschnittlich 200 Erkältungen. Während in Japan und Korea das Hochziehen die einzig gesellschaftlich anerkannte Lösung ist, wird in der westlichen Welt lieber geschnäuzt. Früher benutzte man dazu die Finger, später das Stofftuch. Dieses Stofftuch war aber keineswegs gleich von Anfang an ein gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand, wie Nina Ernst in der taz (30.1.2009) ausführt.

Im 11. Jahrhundert nahmen die Ritter vielmehr das Tuch ihrer Angebeteten mit in die Schlacht und gaben es ihr anschließend schweiß- und blutgetränkt zurück. Es zum Naseputzen zu verwenden, wäre mehr als unschicklich gewesen. Im 15. Jahrhundert wurde das Tuch das, was heute die Tasche von Louis Vuitton: Statussymbol und Luxusgegenstand. Erst mit dem Aufkommen des Schnupftabaks erhielt das Stofftaschentuch seinen heutigen Zweck. Das früher dem Adel vorbehaltene Objekt, mitunter aufwändig bestickt und mit Parfum getränkt, wurde zum Gebrauchsgegenstand.

Heute, im 21. Jahrhundert, hat das Stofftaschentuch wieder eher Seltenheitswert. Juckt es in der Nase, greifen wir zum Papiertaschentuch. Und dann ab damit in den Papierkorb. Was damals eine kleine Revolution war, ist heute alltäglich. Das Tempo Taschentuch war eines der weltweit ersten Einwegprodukte. Später kamen die Windel und die Haushaltsrolle dazu.

Erfinder musste emigrieren

Über all die Jahre blieb der Name Tempo gleich, ebenso der Typ des geschwungenen Schriftzugs. Das Produkt selbst, gewonnen aus Holzfasern, hat dagegen einige Metamorphosen durchgemacht. So kam beispielsweise 1975 die Z-Faltung auf, die es ermöglicht, das Taschentuch ruckzuck zu entfalten, auch bloß mit einer Hand. Autofahrer wissen das zu schätzen: Mit einer Hand schnäuzen sie sich, mit der anderen halten sie das Lenkrad. Später erhielten die Taschentücher als Zugabe mal Menthol, mal bunte Farbe, mal Cartoons. Der Markt giert eben nach Neuerungen.

Tempo: eine einzige Erfolgsgeschichte, von der ihr Erfinder allerdings nichts hatte. Der Jude musste in den Dreißigerjahren emigrieren und die Firma verkaufen. Vermutlich zu dem damals üblichen Spottpreis für solch fragwürdige Produkte.

Foto: Mag. Wenzel Müller

Weiß und zart, weich und reißfest: So ist das perfekte Papiertaschentuch.
Foto: Mag. Wenzel Müller

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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