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Über das Trinken
Peter Richter
208 Seiten, € 21,90
Goldmann Verlag, 2011
ISBN 9783442312023

 
Leben 31. Mai 2011

Der philosophische Blick ins Glaserl

Neues Buch von Peter Richter: „Über das Trinken“.

„Wer trinkt, hat ein Problem. Wer nicht trinkt, hat erst recht eins.“ Das schreibt der Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in seinem neuen Buch, das den Alkohol in seiner ganzen Wirkmächtigkeit zum Thema hat.

 

Der verantwortungsvolle Arzt ist zu einer Art Mittelweg verpflichtet. Er hat auf der einen Seite die lebensverlängernde und kardioprotektive Wirkung eines Gläschens Rotwein pro Tag hervorzuheben, auf der anderen Seite aber auch vor den Gefahren zu warnen, die vom Alkohol ausgehen, angefangen bei der Lebererkrankung bis zur unheilvollen Suchtabhängigkeit. Es geht um ein Abwägen, um eine differenzierte Betrachtung. Vielen Medizinern ist das bereits zu mühsam und sie verteufeln, kurzerhand und pauschal, das Trinken (das, falls nicht eine besondere Einschränkung erfolgt, immer den Konsum alkoholhältiger Getränke bedeutet), denn damit wähnen sie sich allzeit auf der richtigen Seite – jedenfalls in Ausübung ihres Berufs. Nach Arbeitsschluss mögen sie selber die Sache etwas gelassener sehen und sich das eine oder andere Gläschen genehmigen. Bekanntlich gelten Ärzte nicht gerade als Abstinenzler…

Gegen neue Heuchelei

Peter Richter ist nicht Mediziner, somit trägt er auch keine besondere Verantwortung in Gesundheitsfragen. Er kann frei von der Leber schreiben, was er „Über das Trinken“ denkt, und das tut er auch in seinem gleichnamigen Buch. Herausgekommen ist ein recht unverhohlenes Plädoyer für den gelegentlichen (milden) Alkoholrausch. Das mag erst einmal verwundern bei einem Autor, der im Hauptberuf Redakteur der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist, jenes Blattes also, das wie kaum ein anderes im deutschsprachigen Raum (und auch weltweit) für Seriosität und Solidität steht. Doch Seriosität ist eben etwas anderes als Bigotterie.

Nicht dass Richter die verhängnisvollen Seiten des Alkohols verniedlichen oder gar in Abrede stellen würde, doch er sieht sich nicht genötigt, sie in aller Ausführlichkeit und dazu womöglich noch mit erhobenem Zeigefinger zu benennen. Warum dort Aufklärung betreiben, wo die Sache ohnehin klar und unstrittig ist? Gerade der Alkoholkranke weiß am besten, dass das Gift ist, was er regelmäßig zu sich nimmt. Dass Alkoholismus eine Suchtkrankheit ist, ist im Übrigen erst seit etwa 200 Jahren bekannt, zum ersten Mal beschrieben von dem schottischen Arzt Thomas Trotter.

Richter wendet sich dagegen, das Kind gleichsam mit dem Bade auszuschütten: Gegen eine neue Heuchelei, die nur eine Sicht zulässt und diese absolut setzt. Gegen einen Gesundheitsfanatismus, der in ebenso reglementierender wie strikter Form jede Abweichung vom Pfad der Tugend ächtet. Stattdessen plädiert Richter für mehr Gelassenheit und Offenheit. Denn: Sterben müssen wir alle. Wer sich dem Alkohol nicht abgeneigt zeigt, muss möglicherweise ein paar Jahre früher aus der Welt scheiden als ein Abstinenzler, dafür darf er zu Lebzeiten die Wonnen des Rausches und Außersichseins genießen.

Bei einem Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung könnte man annehmen, dass er, sozusagen mit gekräuselten Lippen, edlen Wein gegen vulgäres Bier ausspielt. Doch das macht er nicht. Im Gegenteil, mit Nachdruck wendet er sich gegen jegliche Hierarchisierung dieser Art. Das Mittel sei gleichgültig, das Ziel in jedem Fall erstrebenswert: ein mehr oder weniger stark benebelter Zustand, der einen für Momente die Widrigkeiten des Alltags vergessen und das Leben in einem freundlicheren Licht sehen lässt. Der Philosoph Ernst Jünger umschrieb diesen Zustand als „Erhöhung und Temperierung der Gemütlichkeit“.

Amüsanter Ton

Richter wählt einen amüsanten Ton, und allein das mag schon mancher gestrenge Zeitgenosse bei diesem Thema ungebührlich, wenn nicht gar ungeheuerlich finden. „Ironisch und rasant ist Peter Richters Sprache, voll detailliert-pointierter Beobachtungen und Erlebnisse“, lobt der Kritiker der Süddeutschen Zeitung. Bald berichtet Richter von seiner eigenen Vorladung beim „Idiotentest“, bald vom griechischen Gott Dionysos. Eben ist er noch bei saufenden Fußballfans, im nächsten Augenblick beim assyrischen Gilgamensch-Epos aus der Zeit um 3.000 v.Chr.: „Heute wird oft gesagt, dass übermäßiges Biertrinken den Menschen zum Tier macht. In den Mythen der frühen Hochkulturen war das andersherum. Da wird Enkidu durch den Genuss von sieben Krügen Bier erst vom ziellos herumstromernden Tierwesen zum Menschen: Er trank sieben Krüge Bier; da wurde sein Gemüt frei, er sang, sein Herz jubelte, sein Antlitz erstrahlte; er rasierte sich das Fell vom Leib, rieb sich mit Öl ein – und war ein Mensch.“

Trinken für den Frieden

Richter weiß auch davon zu berichten, dass es einmal eine „Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit“ gab. Gegründet von keinem Geringeren als August dem Starken, König in Polen und Kurfürst von Sachsen. Zu jener Zeit kam diese sich aus hohem sächsischen und preußischen Adel rekrutierende Gesellschaft regelmäßig zusammen. Ihre Mitglieder tranken und redeten, redeten und tranken. So wollten es die Statuten. Die so einfache und geniale Idee dahinter: Wer an einem Tisch zusammenkommt, führt nicht Krieg gegeneinander. Und tatsächlich kehrte auf diese Weise für einige Zeit Frieden zwischen den beiden verfeindeten Staaten ein. Alkohol als Mittel der Diplomatie! Lange Zeit konnte der Alkohol solcherart seine friedensstiftende Wirkung entfalten - aber nicht für immer. Im Siebenjährigen Krieg rannten dann die Preußen die Sachsen doch über den Haufen – als wären sie nie brüderlich beisammen gesessen. Was wie ein Märchen anhob, sollte ein schlimmes Ende nehmen.

Dieser Wert des Alkohols bleibt allerdings bestehen: Er bringt Menschen zusammen, löst die Zunge und weitet den Blick. Um der Wahrheit die Ehre zu erweisen, muss allerdings dazu gesagt werden: Ab einem gewissen Quantum kann der segensreiche Effekt ins Gegenteil umschlagen.

Auf die Wonnen des Alkohols folgt am nächsten Morgen die Ernüchterung, die Strafe: der Kater. Der Kopf brummt, man kommt nicht auf die Beine. Selbst diesem Zustand kann Richter eine positive Seite abgewinnen: „Es sind, wenn man sich einmal umhört, nicht wenige, die es bis zur reifsten und dialektischsten Form des Trinkens geschafft haben: Dem ,Trinken für den Kater‘ – weil der im Grund das Gemütlichste an der Sache ist. Der Sonntag danach. Das Herumhängen. Der Kater als Entschudigung, nichts ,unternehmen‘ zu können. Die angenehme Mattheit. Die Vorfreude auf den Fernsehabend.“

Alkohol und medizinische Studien
„Kurz ein Wort zu den sogenannten medizinischen Studien über Alkohol: Es steht praktisch jede Woche eine neue in der Zeitung. Mal ist ein mäßiges Trinken gut für die Haut, das Abnehmen, ein längeres Leben. Mal ist es andersherum. Meiner Beobachtung nach betonen britische und französische Studien eher die gesundheitsfördernden Aspekte, während nach amerikanischen und skandinavischen Untersuchungen meistens schon geringe Mengen ungeahnt schädlich seien. Ausschlaggebend ist vermutlich das jeweilige Interesse der Forscher: Sind es Abstinenzler oder Leute, die ihren eigenen Alkoholkonsum verteidigen wollen? Die Wissenschaftler haben den Alkohol immer nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, dass alles das gleichzeitig in ihm steckt.“ (Peter Richter)

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 22 /2011

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