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Foto: Mag. Wenzel Müller
Wir leben das Meer, vielleicht, weil das Meeresrauschen unseren eigenen Rhythmen wie beispielsweise dem Herzschlag sehr ähnlich ist.

Die Ordnung der Klänge. Eine Kulturgeschichte des Hörens R. Murray Schafer Herausgegeben und übersetzt von Sabine Breitsamer, Schott Music 2010, 448 Seiten ISBN 9783795707163 3795707163##############

 
Leben 26. April 2011

Vater der akustischen Ökologie

R. Murray Schafer: „Die Ordnung der Klänge. Eine Kulturgeschichte des Hörens“.

Fremdartige Geräusche können unser Herz erfreuen, laute unser Gehör schädigen, das wissen nicht nur Mediziner. Der kanadische Musiker und Komponist R. Murray Schafer begann vor einem halben Jahrhundert, die Beziehung des Menschen zu seiner akustischen Umwelt systematisch zu untersuchen. Sein umfassendes Werk „The Tuning of the World“ aus den 1970er-Jahren ist nun erstmals vollständig auf Deutsch erschienen.

 

Anfang der 1950er-Jahre besuchte R. Murray Schafer Wien. Was ihm in der Stadt besonders auffiel, war das Zischen der Gaslaternen in den Straßen. Ein für seine Ohren fremdartiges Geräusch.

Schafer, 1933 in Kanada geboren, ist Musiker, Komponist und vor allem Klangforscher. Seine Untersuchungen betreffen ein Gebiet, das in unserer visuell dominierten Zeit eher wenig Beachtung findet: die normalen Geräusche unseres Alltags. Ende der 1970er-Jahre ist sein Werk „The Tuning of the World“ erschienen, eine Streitschrift und wissenschaftliche Analyse zugleich, die nun erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt wurde: „Die Ordnung der Klänge“. Was sind die typischen Laute in der Wüste, im Dschungel, in der Großstadt? Diese Frage interessierte bereits den jungen Forscher wie auch die andere: Was waren die typischen Laute in früheren Zeiten? Und wie haben die sich in der Zwischenzeit verändert? Vor etwa 30 Jahren formulierte er seine Vision: eine Art akustische Landkarte unserer Welt zu erstellen. Inzwischen hat er mit der UNESCO einen prominenten Partner gefunden: Zusammen arbeiten sie an dem „World Soundscape Projekt“, an der Erfassung der akustischen Welt.

Unsere Ohren sind immer auf Empfang gestellt. Im Unterschied zu unseren Augen können wir sie nicht willentlich schließen, wobei wir einschränkend dazu sagen müssen, dass etwa Mütter so konditioniert sind, dass sie den in der Nacht von der Straße heraufkommenden Autolärm völlig ausblenden können, aber sogleich aufschrecken, wenn ihr Kind auch nur einen kleinen Pips von sich gibt.

Schafers Werk ist nicht zuletzt einer der ersten Versuche, eine Klassifikationssystem für alltägliche Laute zu erstellen. Analog zur visuellen Wahrnehmungspsychologie unterscheidet er zwischen Grund und Figur. Grund ist der Grundlaut, Figur der aus diesem gleichmäßigen Gefüge hervorstechende Laut. Das Rauschen der Blätter im Wald, die Brandung des Meers oder das Summen einer Klimaanlage können Grundlaute sein.

Der Grundlaut nimmt zu

Figuren sind dazu da, aufzufallen und wahrgenommen zu werden. Ein typisches Beispiel dafür ist die Feuerwehrsirene. Zu Mozarts Zeiten, schreibt Schafer, ertönte in Wien bei einem Brand ein Warnruf von der Spitze des Stephansdoms. Heute würde dieser Warnruf im allgemeinen Geräuschpegel hoffnungslos untergehen, und tatsächlich kommt inzwischen stärkeres akustisches Geschütz zum Einsatz. Dessen Dezibelzahl hat im Laufe der letzten Jahre kontinuierlich zugenommen – ein untrügliches Zeichen für den Forscher, dass auch der Grundlaut permanent angestiegen ist.

Die „Kesselschmiedkrankheit"

Schafer unterscheidet außerdem zwischen Hi-Fi- und Low-Fi-Qualität. Hi-Fi ist gut, da Grund und Figur deutlich getrennt sind. Bei Low-Fi wird dagegen jeder einzelne Ton von einem hohen Grundgeräusch überdeckt. Hi-Fi steht für eine gepflegte akustische Umgebung, Low-Fi für einen undifferenzierten Einheitsbrei – und in eben diese Richtung zeigt gerade die Entwicklung der modernen Industriegesellschaften. Dazu zählt Schafer etwa die in Kaufhäusern gerne eingesetzte „Hintergrundmusik“, die längst in den Vordergrund drängt.

Im 18. Jahrhundert entdeckten Ärzte, dass Lärm das Gehör nachhaltig schädigen kann. Sie sprachen damals von der „Kesselschmiedkrankheit“, da Lärmschwerhörigkeit bevorzugt bei diesem Berufsstand auftrat. Heute dürfen im Berufs- wie auch alltäglichen Leben bestimmte Dezibelzahlen nicht mehr überschritten werden. Ein scheinbar objektives Kriterium – 1882 wurde die Lautstärkemessung erfunden und 1928 Dezibel als verbindliche Größe eingeführt –, dabei entscheidet nicht allein die Lautstärke darüber, ob wir ein Geräusch als unangenehm empfinden oder nicht. Ebenso spielt unsere persönliche Beziehung zu der Lärmquelle mit hinein, das Problem hat mithin auch eine psychologische Seite. Dem einen tut das Aufheulen eines Automotors weh, für den anderen, den klassischen „Benzinbruder“, kann das nachgerade Musik in den Oh-ren sein. Auch Industrielärm, der heute vielfach als krankmachend empfunden wird, wurde zu Beginn der Industrialisierung noch anders wahrgenommen, nämlich als ein hoffnungsvolles Zeichen, das die Befreiung des Menschen von seiner uralten Gebundenheit an die Erde versprach.

Schafer fand heraus, dass es Geräusche gibt, die von allen Menschen, über sämtliche Kulturgrenzen hinweg, als unangenehm empfunden werden. Beispielsweise das Kratzen mit dem Fingernagel oder der Kreide über die Tafel, ein Geräusch, das jedermann verlässlich einen Schauder über den Rücken jagt. Wieso das so ist, konnte noch nicht geklärt werden, obwohl das Phänomen schon von vielen Seiten untersucht worden ist.

Was angenehme Geräusche betrifft, so hat jedes Land seine speziellen Vorlieben. Die Schweizer lieben etwa das Bimmeln der Glocken. Sehr hoch in der Gunst der Menschen steht Meeresrauschen, vielleicht, weil das Kommen und Gehen der Wellen unseren eigenen Rhythmen sehr ähnlich ist, vor allem dem Herzschlag und dem Ein- und Ausatmen.

Längst sind Akustikdesigner bei der Entwicklung von neuen Autos involviert. Die Tür soll mit einem satten Ton ins Schloss fallen, damit der Autobesitzer ein Gefühl der Geborgenheit erhält. Und der Motor des Sportwagens hat so zu brummen, dass er Stärke und Potenz vermittelt.

Balance der Töne

Schafer arbeitet nicht für Firmen. Sein Anliegen ist zum einen, Laute vor dem Vergessen zu bewahren. Damit wir auch morgen noch wissen, wie sich das Klappern einer Schreibmaschine anhört oder das Klingeln einer Registrierkasse. Ein weiteres Anliegen von ihm ist, dass wieder mehr Ruhe einkehrt. Nicht im Sinne von einem Zurück zur Natur, sondern dass die technischen Möglichkeiten so genutzt werden, dass die Welt wieder richtig „gestimmt“ oder „getuned“ wird. Und richtig heißt, dass die einzelnen Laute harmonisch klingen und unser Ohr erfreuen. „Die Ökologie bemüht sich um eine Balance der Dinge in der Natur, ohne dass eines das andere tötet. Wir können dasselbe auch mit Klängen tun. Wir können jedem Klang seinen Moment zugestehen, in dem er erklingen kann. Aber wir können nicht zulassen, dass bestimmte Klänge die ganz Atmosphäre dominieren und alle anderen abtöten“, sagt Schafer. Nicht zufällig gilt er als Vater der akustischen Ökologie.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 17 /2011

  • Herr Akustische Landkarte im Netz Maik Schmidt 3 Chemnitzer starten Kunstproj, 08.06.2011 um 08:55:

    „3 Chemnitzer starten von Chemnitz aus ihr Kunstprojekt "Plotcher.com" dort sind die verschiedensten Alltags Klänge und Geräusche zu finden. Gut sortiert auf einer Deutschlandkarte.
    http://plotcher.com“

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