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Fotos (3): Mario Lang / 3raum-anatomietheater
„Die Tiger von Eschnapur“: Klamauk kam bei der Aufführung von „Pension F.“ nicht zu kurz.
 
Leben 5. März 2009

Mediensatire im Seziersaal

Der Skandal blieb aus: Aufführung von „Pension F.“ in Wien.

Wer einst Lehrveranstaltungen im Anatomiesaal der alten Veterinärmedizinischen Universität besucht hat, wird wohl nie gedacht haben, dass dieser Raum einmal Schauplatz einer Theateraufführung sein würde. Einer Aufführung zudem, die eine wahre Heerschar von Journalisten aus dem In- und Ausland anlockte. Gezeigt wurde das Stück „Pension F“.

 

So etwas ist nur in Österreich möglich. Eine Theateraufführung hat, was das mediale Interesse anbelangt, die gleiche Anziehungskraft wie die Angelobung des neuen Bundekanzlers. Letzte Woche sendeten alle großen Zeitungen vom Pariser Figaro bis zur Hamburger Zeit ihre Mitarbeiter in das Wiener 3raum-Anatomietheater, zur Premiere des Stücks „Pension F“.

Bis vor kurzem war diese Spielstätte in den vormaligen Lehrräumen der Veterinärmedizinischen Universität nur Freunden der sogenannten Off-Theaterszene bekannt. Denn hier präsentiert ihr Leiter Hubert („Hubsi“) Kramar ein etwas anderes Theater, er arbeitet gerne mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, wie Asylanten und Obdachlosen.

Mittlerweile dürfte der Bekanntheitsgrad dieses Theaters im Ausland kein bisschen mehr geringer sein als der des Burgtheaters. Der Grund sind die Auseinandersetzungen um das Stück bereits vor der Aufführung. „Pension Fritzl“ hieß es ursprünglich, später hat Kramar es in „Pension F.“ umgewandelt.

Wilde Beschimpfungen

„Pension Fritzl“: Der Titel weckt Assoziationen mit dem Schwank „Pension Schöller“, und das genügte, dass die FPÖ im Verein mit einigen Boulevardblättern in einer Art Reflex aufschrie, dass da ein böser Scherz mit den Inzest-Opfern des sattsam bekannten Herrn Josef F. aus Amstetten getrieben werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand das Stück kennen – weil es noch gar nicht geschrieben war. Egal, die Beschimpfungen gingen weiter: Klarer Fall von Missbrauch unserer Steuergelder! Diesem „Künstler“ alle Subventionen streichen!

Das wiederum rief die österreichische Autorenvereinigung auf den Plan, die lauthals warnte, dass die „Freiheit der Kunst“ in Gefahr sei. Bald war das ganze Land von der Auseinandersetzung erfasst – nicht viel anders als vor zwanzig Jahren, als der Streit um die Aufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ am Burgtheater Österreich auch in zwei Lager gespalten hatte. Und wieder berichtete die internationale Presse eifrig über den Streit.

Kramar dürfte sich in den letzten Wochen öfters verwundert die Augen gerieben haben: In was für einem Film bin ich da überhaupt? Einerseits durfte er sich freuen über die gewaltige mediale Resonanz, andererseits musste er sich auch fürchten, denn er wurde im Boulevard als „Ekel-Mime“ bezeichnet und erhielt daraufhin etliche Morddrohungen. Morddrohungen, die die Behörde ernst genug nahm, um die Aufführung unter Polizeischutz zu stellen. Und dann bei der Premiere: Kein einziger Protestierer vor dem Theater.

Kein „Monster“ auf der Bühne

Wie vorauszusehen war, erwies sich die Empörung als völlig unbegründet. Kein „Monster“ war auf der Bühne, und auch die Inzest-Opfer wurden nicht verhöhnt. Der Abend war vielmehr ein schräger Spaß, Kramar nennt sie die „ultimative Mediensatire“. Der Theaterleiter spielte einen Medienvertreter und schlüpfte dafür in die Rolle eines schmierigen Conférenciers, für den nur die Sensation, die „geile Nachricht“ zählt. Kaum weniger abstoßend als den Inzestfall von Amstetten findet Kramar nämlich, wie einige Medien darüber berichtetet hatten – Mitgefühl schoben sie vor, tatsächlich ging es ihnen nur um die reißerische Geschichte, das heißt die fette Auflagensteigerung. Der Abend hatte eine einfache Botschaft: Giert nicht so nach Sensationen!

Fotos (3): Mario Lang / 3raum-anatomietheater

„Die Tiger von Eschnapur“: Klamauk kam bei der Aufführung von „Pension F.“ nicht zu kurz.

Hubert Kramar: Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter des Wiener 3raum-Anatomietheaters.

Ein Theaterabend mit Musik: Am Mikrofon Tini Trampler.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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