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Foto: Landesgalerie Linz
Die Künstlerin vor ihren Werken: Die norwegische Fotografin Mette Tronvoll in der Landesgalerie Linz.
Foto: Mette Tronvoll

Dulamsuren and Cegmeddorj, 2004

Foto: Mette Tronvoll

Goto Fukue, 2008, C-Print

Foto: Mette Tronvoll

Family Purew, Otschir and Luwsansharaw, 2004

 
Leben 19. April 2011

Ein Vertrauensverhältnis schaffen

Die Landesgalerie Linz setzt ihre Ausstellungsreihe zur Porträtfotografie fort.

„Peter Hujar hat mir gegenüber einmal erwähnt, dass ein Fotograf ein Arzt sei, vor dem sich das Modell (der Patient) entblößt“, sagt der Kunstkurator Peter Weiermair. In der Porträtfotografie kommt es auf Feingespür im Umgang mit Menschen an. Und dieses hat offensichtlich Mette Tronvoll, 1965 in Norwegen geboren, deren Fotoarbeiten aktuell in der Landesgalerie Linz zu sehen sind.

 

Von allen visuellen Medien tut sich die Fotografie am leichtesten, ein exaktes Abbild einer Person zu liefern. Ginge es nur darum, ginge es nur um eine möglichst genaue Reproduktion physiognomischer Eigenheiten, wäre das Porträt ein Kinderspiel. Doch es geht um mehr. Es geht darum, das Wesen eines Menschen wiederzugeben, dessen Seele wie ein offenes Buch vor dem Betrachter auszubreiten.

Wie beim Arzt

„Alle Porträtfotografie ist Resultat eines Dialogs. Dieser Dialog ist das zentrale Thema. Peter Hujar hat mir gegenüber einmal erwähnt, dass ein Fotograf ein Arzt sei, vor dem sich das Modell (der Patient) entblößt“, sagt der Kunstkurator Peter Weiermair.

Eine Porträtaufnahme hat große Macht: Sie hält den Fluss der Zeit an und legt eine Person, geradezu unerbittlich, auf einen einzigen Ausdruck fest. Im normalen Leben wechselt sie ständig ihr Gesicht, zumindest hat sie dazu die Möglichkeit, das Foto dagegen zeigt nur einen Ausdruck, nur ein Gesicht.

Auf einem Foto gibt ein Mensch, ob er möchte oder nicht, etwas von seinem Innersten, von seinem Charakter preis, allein schon durch den Umstand, wie er in die Kamera schaut und welche Haltung er dabei einnimmt. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Vor dieser Macht, vor diesem Fixiertwerden, vor dieser entlarvenden Sicht fürchten sich viele, wenn nicht die meisten Menschen, Profimodelle und Schauspieler einmal ausgenommen. Eine auf ihn gerichtete Kamera komme ihm vor, wie wenn mit einem Gewehr auf ihn gezielt werde, sagte einmal Thomas Bernhard. Mit diesen Worten hat der österreichische Dichter ein weit verbreitetes Unbehagen auf den Punkt gebracht. Gemessen an der Gesamtzahl der Fotos, die von uns im Laufe unseres Lebens gemacht werden, sind es doch nur verhältnismäßig wenige, die wir als Bildnis von uns akzeptieren.

Der Porträt -Fotograf muss nicht nur in fototechnischen und gestalterischen Fragen firm sein, er muss vor allem auch, mehr als etwa in der Architektur- oder Landschaftsfotografie, über ein Feingespür im Umgang mit Menschen verfügen. Nur wenn es ihm gelingt, eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens zu schaffen, sind Aufnahmen möglich, die nicht an der Oberfläche bleiben. Nicht zufällig sind die großartigsten Menschenbilder der Fotoliteratur Zeugnisse echter Freundschaft zwischen Fotograf und Porträtiertem, zumindest einer vertieften Bekanntschaft und eines grundsätzlichen gegenseitigen Vertrauens.

Den Draht zueinander finden

Fotos lügen bekanntlich nicht. Auf ihnen ist zu erkennen, wenn sich das Modell unwohl fühlte. Und diese Fotos sind selbst dem Betrachter unangenehm, da er sich in dem Fall wie ein Voyeur vorkommt, der unfreiwillig Zeuge einer intimen Situation wird. Gelungen sind dagegen Fotos, bei denen der Betrachter spürt, die sind authentisch, die gehen in die Tiefe, die sagen tatsächlich etwas über die abgebildete Person aus, da gibt es keine Verstellung, da war kein Zwang, da hatten Modell und Fotograf einen Draht zueinander gefunden.

Kein leeres Lachen

Dieses wichtige Vertrauensverhältnis aufzubauen, das gelingt offensichtlich Mette Tronvoll. Aktuell sind Arbeiten der norwegischen Fotografin in der Landesgalerie Linz zu sehen, ihre erste Einzelausstellung in Österreich. Die Personen, die Tronvoll in Norwegen, den USA, Japan und der Mongolei abgelichtet hat, lächeln nicht leer in die Kamera. Sondern sie zeigen ihr wahres Gesicht.

 

Landesgalerie Linz: Ausstellung Mette Tronvoll. Photographs 1994 – 2010. Museumstraße 14, 4010 Linz, bis 8. Mai 2011

Allgemein akzeptiertes Tabu
„Das Porträt schockiert durch seine Unbeweglichkeit. Wir betrachten das Gesicht eines Menschen, der unserem Blick wehrlos ausgeliefert ist. Er ist allen psychologischen Waffen beraubt, mit denen er sich im Leben vor den zudringlichen Blicken der anderen zu schützen weiß. Die pausenlose Maskerade der Gesten und Posen, das unentwegte Mienenspiel ist zum Stillstand gekommen, die Züge haben keine Freiheit mehr, ihren Ausdruck zu wechseln, und der Betrachter kann sich, ohne Rücksicht, ohne Scham und so lange er will, an diesem schutzlos gewordenen Anblick gütig tun. Jeder weiß, wie hilflos man sich fühlt, sobald man angestarrt wird, und jeder, der selbst beim Anstarren ertappt wird, schaut betreten zur Seite, als wolle er sich für diesen Verstoß gegen den seelischen Sicherheitsabstand entschuldigen. Ein allgemein akzeptiertes Tabu verbietet zudem, einen Menschen zu betrachten, der keine Möglichkeit besitzt, sich notfalls durch einen abweisenden Gesichtsausdruck Distanz zu erzwingen. Deshalb hält uns eine bemerkenswerte Scheu davon ab, Schlafende zu beobachten und zu fotografieren.“

Wieland Wiegand: Portraits. Begegnungen in der Welt der Kreativen.
In Scheler M (Hrsg): Monografie Herbert List, Schirmer/Mosel, München, 2002

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 16 /2011

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