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Foto: Tschechow-Museum, Jalta
Der Arzt und Dichter Anton Tschechow (1860-1904) wusste, was zu einem guten Leben gehört: sich öfters Ruhe gönnen.

Muße: Vom Glück des Nichtstuns Ulrich Schnabel 287 Seiten, € 19,95 Blessing Verlag, 2010 ISBN 9783896674340

 
Leben 6. April 2011

Öfters mal die Gedanken schweifen lassen

Essay, Ratgeber und wissenschaftliche Analyse: Ulrich Schnabels Buch „Muße“.

Für Puritaner ist sie nur verschwendete Zeit. Für den Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel ist Muße dagegen eine notwendige Voraussetzung für Gesundheit und Leistungskraft. Und darüber hinaus auch ein Moment, für den es sich, pathetisch gesprochen, zu leben lohnt.

 

Kennen Sie das? Sie kommen am Abend nach Hause – und nichts geht mehr, außer den Fernsehapparat einzuschalten und sich auf das Sofa fallen zu lassen. Kaputt, fertig, keine Kraft mehr. Wenn Sie dieses Gefühl kennen, so sind Sie in bester Gesellschaft. Sehr vielen, wenn nicht den meisten Menschen in der westlichen Welt geht es genauso. Sie rackern bis zum Umfallen.

Ein Leiden ist drauf und dran, sich zur typischen Krankheit unserer Zeit zu entwickeln: Burn-Out. Die Weltgesundheitsorganisation hat ständige Überlastung zu einer der „größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts“ erklärt.

Dabei geht es uns, sollte man denken, so gut wie nie zuvor. Wir verfügen im Gegensatz zu früheren Generationen über effiziente Kommunikationstechniken wie Handy oder E-Mail. Allerdings: Was uns Erleichterung im Alltag verschaffen sollte, hat bei Licht betrachtet nur zu dessen Beschleunigung beigetragen. Ein Büroarbeiter wendet heutzutage 15 bis 25 % seiner Arbeitszeit für die Bearbeitung seiner elektronischen Post auf. Waren das nicht herrliche Zeiten, mag da manch einer denken, als der Postweg noch die einzige Möglichkeit zur Kommunikation über weite Strecken darstellte?

Um mit dem Tempo unserer Zeit Schritt zu halten, besuchen viele Zeitmanagement-Seminare. Doch das ist der falsche Weg, betont Ulrich Schnabel in seinem Buch Muße. Denn da lerne man nur, wie man noch mehr Termine in noch kürzere Zeit bewältige. Diese Seminare vermittelten darüber hinaus das Gefühl, Zeitnot sei ein individuelles Problem. Dabei sei sie längst zum Signum der modernen Gesellschaft avanciert. Es komme heute darauf an, einen neuen Umgang mit unserer Zeit einzuüben. Der Wissenschaftsredakteur der Zeit plädiert für ein Umdenken, für ein Innehalten, für ein Sich-Besinnen, für ein Zur-Ruhe-Kommen.

Freilich ist das leichter gesagt als getan. Schließlich sind wir alle Teil der Gesellschaft, und wer im Arbeitsleben mit dem vorgegebenen Tempo nicht mithalten kann, wird schnell ausgesondert. Doch ist dieses Tempo überhaupt in Ordnung? Nein, sagt Schnabel. Das Arbeiten ohne Pause führe zwangsläufig zu Entscheidungen, die in der Regel wenig überlegt seien.

Der Mittagsschlaf

Im Büro ist Multitasking angesagt. Ganze elf Minuten können sich Angestellte einer kalifornischen High-tech-Firma mit einer Aufgabe beschäftigen, zitiert Schnabel eine Forscherin. Dann piept die nächste Mail, klingelt das Telefon, steht der Kollege in der Tür. Dieser Rhythmus hat sich bereits so eingeschliffen, dass sich die Angestellten, wenn denn einmal niemand stört, selbst unterbrechen, Blumen gießen oder Papier sortieren.

Dem Mittagsschlaf haftet der Nimbus der Zeitverschwendung an. Schnabel kann überzeugende Gegenbeispiele vorbringen. Cicero, Montaigne, Mark Twain, Winston Churchill, Albert Einstein, John Lennon – sie alle waren große Freunde der Bettruhe. Und dass sie faul oder tatenlos gewesen seien, kann man nicht gerade sagen. Vielleicht gründen ihre Tatkraft und ihr Erfolg gerade darauf, dass sie sich zwischendurch Pausen gönnten. Nur wer ausgeruht ist, hat auch die Kraft, Großes zu vollbringen. Hirnforscher bestätigen es: Unser Gehirn braucht immer wieder Phasen des Nichtstuns, ein gewisser Leerlauf im Kopf ist für unsere geistige Stabilität geradezu unabdingbar. Inzwischen wissen wir auch, dass sich in den Stunden scheinbarer Untätigkeit nicht nur unser Körper erholt, sondern auch unser Geist.

Einen Schritt zurücktreten, das auch mal aus Distanz betrachten, woran wir arbeiten: Das ist für Schnabel eine wichtige Voraussetzung, um nicht ewig in eingefahrenen Gleisen zu verbleiben. Um zu besseren Lösungen zu finden. Langsam beginnt diese Einsicht auch bei Managern zu greifen: Sie erkennen, dass weniger zählt, wie viele Stunden ihre Untergebenen arbeiten, als was sie an tatsächlicher Leistung erbringen. Falls die Leistung höher ausfällt, wenn sie zwischendurch ein Mittagsschläfchen (auf Neudeutsch: Power-Napping) einlegen, so sei das ihnen gegönnt.

Schnabel findet Unterstützung bei Medizinern. Der Hirnforscher Ernst Pöppel schreibt: „Kreativität ist ein wichtiges Merkmal eines ausgeglichenen Menschen. Wer nur noch erledigt, abarbeitet, reagiert, braucht definitiv eine Pause.“ Eine entscheidende Größe ist in diesem Zusammenhang die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses. Je größer sie ist, desto besser können wir uns konzentrieren. Je geringer die Reserven, umso leichter sind wir ablenkbar und zerstreut.

Was hilft? Schnabel rät, öfters mal das Handy auszuschalten, um nicht ständig erreichbar zu sein. Und nicht alle Augenblicke in den E-Mail-Briefkasten zu schauen, ob neue Nachrichten eingetroffen sind. „Wer viel im Internet unterwegs ist, neigt zum oberflächlichen Nachrichten-Hopping. Die gewaltige Breite an Informationen geht auf Kosten unserer Reflexions- und Urteilsfähigkeit“, schreibt er. In Anlehnung an die genetisch bedingte Aufmerksamkeits-Defizit-Disposition (ADD) spricht der amerikanische Psychologe Edward M. Hallowell von Attention Deficit Trait (ADT), der erworbenen Unfähigkeit zur Konzentration, die er als „direkte Folge der modernen Arbeitswelt“ sieht.

Inspiration plus Transpiration

Wer nicht hin und wieder seine Kraftreserven auftankt, läuft Gefahr, auszubrennen, plötzlich ohne einen Funken Energie dazustehen. Pausen sind dazu da, die Gesundheit zu erhalten. Sie sind auch eine notwendige Bedingung, um zu wirklich schöpferischen Einfällen zu kommen. Erfahrungsgemäß kommen die gerade dann, wenn wir sie nicht mit aller Kraft erzwingen wollen. Der Erfinderkönig Thomas Edison sagte, Genie sei das Ergebnis von „1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration“. Alle Anstrengung nutze nichts, wenn der entscheidende Einfall ausbleibe. Und der kommt oft dann, wenn wir ihn nicht erwarten – allerdings müssen wir der sprichwörtlichen Muse auch die Zeit und Gelegenheit geben, uns zu küssen.

Unsere Gesundheit und unsere Leistungsfähigkeit profitieren davon, wenn wir hin und wieder aus dem Hamsterrad der Geschäftigkeit ausbrechen. Schnabel geht allerdings noch einen Schritt weiter. Er möchte die Muße, diesen seltenen Moment des Bei-sich-Seins, nicht allein unter Nützlichkeitserwägungen betrachten, denn das hieße, nur nach den Maßstäben der modernen Leistungsgesellschaft zu urteilen. Er hinterfragt grundsätzlich unsere Einstellung bzw. Weltsicht. „Statt ständig zu fragen, was eine bestimmte Aktivität für unser Fortkommen, unser Bankkonto und unser Ansehen bringt, können wir die Logik genauso gut umdrehen und die Frage stellen, inwiefern die Karriere, das Konto und das Ansehen hilft, unser Leben im Hier und Jetzt zu genießen.“

Arbeit und Freizeit

Dabei möchte der Autor nicht zwischen Arbeit und Freizeit trennen. Im Idealfall bedeute Arbeit keine Plage, sondern Erfüllung. Schnabel geht mit gutem Beispiel voran. Er hat in seinem Arbeitsvertrag hineinschreiben lassen, dass er nicht jeden Tag von morgens bis abends an seinem Schreibtisch im Büro sitzen muss. Warum auch, die kreativen Einfälle kommen ja eher bei einem Spaziergang! Dieses Argument hatte seinen Arbeitgeber überzeugt.

Dieses Buch hat das Potenzial, entscheidende Denkanstöße beim Leser auszulösen. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie sich nach der Lektüre plötzlich fragen: Sollte ich meine Ordinationszeiten vielleicht auf weniger Stunden begrenzen? Möglicherweise ein erster Schritt zu mehr Zufriedenheit.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 14 /2011

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