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Foto: Cami Stone (Marcel Breuer Papers, Archives of American Art, Washington, D.C.)
Esszimmer in der Wohnung Piscator, Berlin, 1927

Marcel Breuer / Staatliches Bauhaus, Weimar: Armstuhl ti 1a, 1922

Foto: Courtesy Thomas Breuer

Marcel Breuer im Wassily-Sessel (B3), ca. 1926

 
Leben 30. März 2011

Zeitlose Moderne

Das Hofmobiliendepot ehrt Marcel Breuer (1902–1981).

Auch heute, fast ein Jahrhundert nach seiner Erfindung, steht der Stahlrohrsessel für Modernität. Entwickelt hat ihn ein Tischler, der Bauhaus-Schüler Marcel Breuer, dem das Hofmobiliendepot derzeit eine Ausstellung widmet.

 

Manchmal kann eine bestimmte Unbedarftheit und Unvoreingenommenheit von Vorteil sein. Marcel Breuer hatte in Weimar, am Bauhaus, eine Tischlerlehre gemacht. Das Credo dieser von Walter Gropius ins Leben gerufenen künstlerischen Schule lautete: Nicht nach hinten, sondern nur nach vorne schauen! Was war, interessiert uns nicht! Wir wollen Neues schaffen!

Vielleicht war es gerade dieses gepflegte Desinteresse an Geschichte und Tradition, das Breuer schon als 23-Jährigen eine Ikone der Moderne erfinden ließ: den Stahlrohrsessel. Der Legende nach soll ihm, dem 1902 in Pecs (Ungarn, damals zur Donaumonarchie gehörend) geborenen Sohn eines Zahnarztes, die entscheidende Idee bei einer Fahrt mit seinem Fahrrad gekommen sein. Plötzlich stach ihm ins Auge, was er bereits unzählige Male vorher gesehen hatte, ihm aber nie aufgefallen war: der geschwungene Fahrradlenker. Warum diese Form und dieses Material nicht auch für Möbel verwenden?, dachte sich Breuer. Und er dachte das nicht nur, sondern schritt auch zur Tat: Mitte der 1920er-Jahren kreierte er den ersten Stahlrohrsessel der Welt, den später „Wassily“ genannten Klubsessel. Und schon bald darauf folgte der sogenannte Freischwinger, der legendäre Stuhl ohne Hinterbeine. Damals die Sitzgelegenheit gewordene Avantgarde schlechthin, heute, fast ein Jahrhundert später, aufgrund der zahlreichen Nachbauten ein Möbel, das nicht mehr weiter auffällt, gleichwohl nach wie vor für Moderne steht und jeder Arztpraxis gut zu Gesicht steht. Das Wiener Hofmobiliendepot ehrt den legendären Designer mit einer Ausstellung, die bis zum 3. Juli geht, zwei Tage über Breuers (1902-1981) 30. Todestag hinaus.

„Unglücklichste Zeit“ in Wien

Das Bauhaus hatte die Idee und den Anspruch, Kunst und Handwerk zu einer Einheit zu verschmelzen. Es sollten Gebrauchsgegenstände entwickelt werden, die nicht nur nützlich sind, sondern darüber hinaus auch das Auge erfreuen. Kurzum: Der Alltag sollte an Schönheit gewinnen.

Im Rückblick kann man sagen: Nur gut, dass es Breuer in Wien nicht gefallen hatte. Zunächst studierte er an der Wiener Akademie der Bildenden Künste, doch das war, wie er später schreiben sollte, die „unglücklichste Zeit“ seines Lebens. Er setzte sich 1919 in den Zug nach Weimar. Damals, in der turbulenten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, eine Fahrt, die immerhin eine Woche dauerte.

Flucht nach Amerika

Das Bauhaus genießt heute einen exzellenten Ruf, wohl nicht zuletzt deshalb, weil diese Form des künstlerischen Aufbruchs in der Nazi-Zeit als „entartet“ und „bolschewistisch“ diffamiert wurde. Die Bauhäusler mussten vor den Nationalsozialisten fliehen, so auch Breuer, der 1937 nach Amerika auswanderte. Dort verdingte er sich in erster Linie als Architekt, ein Kapitel in seinem Leben, das hierzulande weniger bekannt ist und in der Ausstellung ebenfalls ausführlich gewürdigt wird. Breuer baute vor allem Einfamilienhäuser, sogenannte Langhäuser – liegende Rechtecke. Daneben auch vier Kirchen. Und er unterrichtete Architektur an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten war das kein Problem – dabei war die einzige formale Ausbildung, die Breuer zeit seines Lebens genossen hatte, eine Tischlerlehre.

 

Hofmobiliendepot: Ausstellung „Marcel Breuer. Design und Architektur“. Bis 3. Juli 2011. 1070 Wien, Andreasgassse 7

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 13 /2011

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