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Foto: Michael Engler
Fata Morgana Nr. 8 2007 Lambda-Print 100 x 140 cm
Foto: Wolfgang Kessler

Zwischenraum (Cutter) 2010 Öl auf Leinwand 60 x 100 cm

Unscharf. Nach Gerhard Richter Gaßner, Hubert u.a. 180 Seiten, € 35,00 Hatje Cantz Verlag, 2011 ISBN 9783775728058

 
Leben 23. März 2011

Die gewollte Unschärfe

Das Kamera-Auge sieht die Welt anders als das menschliche Auge.

Die von uns wahrgenommene Welt ist frei von Verwischungen und Verwacklungen. Anders in der Fotografie. Sie kennt Unschärfe, nicht nur die unfreiwillige, sondern auch die bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzte. Eine aktuelle Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle und die dazu im Hatje Cantz Verlag erschienene Publikation widmen sich diesem Thema.

 

Eben mögen wir noch in einem Buch lesen, und im nächsten Augenblick blicken wir auf zur Kirchturmuhr. Das eine wie das andere, die Buchstaben wie die Uhrzeit, erkennen wir deutlich – vorausgesetzt, es liegt keine Sehanomalie (oder ein rauschhafter Zustand) vor. Ermöglicht wird das durch eine Meisterleistung unserer Augen. Sie können sich durch Veränderung des Linsenkrümmungsgrades in Sekundenbruchteilen auf unterschiedliche Entfernungen einstellen, so schnell, dass uns die sogenannte Akkomodation gar nicht bewusst wird.

Blicksprünge sind die schnellsten Bewegungen, zu denen der menschliche Körper fähig ist. Der französische Augenarzt Emile Javal (1836-1907) nannte sie treffend „saccade“, Ruck. Kurz zuvor und während einer solchen Sakkade wird die optische Sinnesleistung drastisch eingeschränkt, aber das Gehirn fügt die Informationen zu einem scheinbar lückenlosen Gesamtbild zusammen.

Unser Sehmechanismus

Die Muskelfasern, die für diese Ruck-Bewegungen verantwortlich sind , arbeiten mit großer Geschwindigkeit und Präzision. Und dies erfordert viel Sauerstoff, deshalb sind sie stärker durchblutet als der Herzmuskel. Unser Sehmechanismus ist mithin so ausgebildet, dass die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen, frei von Verwischungen und Verwacklungen ist.

In der Fotografie ist das anders. Die Fotografie kennt Unschärfe in allen Varianten. Oft genug auch die unfreiwillige Unschärfe. Wir fotografieren eine Person und auf dem Bild erscheint sie verschwommen und undeutlich. Ein Fehler! Mag sein, dass wir die Entfernung falsch eingestellt haben oder die Kamera im Moment der Aufnahme nicht ruhig gehalten haben, wodurch es zur Verwacklung gekommen ist. Das Bild ist papierkorbreif.

Nachsichtiger zeigen wir uns, wenn weniger bildwichtige Teile in wattiger Unschärfe verschwimmen. Das stört uns nicht, das betrachten wir möglicherweise sogar als interessante Gestaltung. Obwohl das Foto auf diese Weise wohlgemerkt ein Bild der Wirklichkeit liefert, das wir aus eigener Anschauung gar nicht kennen – wenn man so möchte: ein künstliches Bild.

Der Vorteil der Aufteilung in scharfe und unscharfe Partien liegt darin, dass sich der Betrachter sofort orientieren kann. Wie von einem Magneten angezogen, fällt sein Blick auf die scharfen Partien, denn die wertet er als wichtig. So erfolgt nicht nur eine visuelle, sondern auch eine inhaltliche Gewichtung: Wesentliches wird von Unwesentlichem getrennt.

Ausstellung in Albertina

Als die Fotografie vor knapp 200 Jahren aufkam, lag ihr großes Faszinosum darin, dass sie ein Abbild der Wirklichkeit in bisher nicht gekannter Detailgenauigkeit lieferte. Die Fotografie als Spiegel der Welt: Zu diesem Selbstverständnis formierte sich um 1900 eine Gegenposition. Einigen Fotopionieren ging es darum, dem neuartigen Bildmedium einen Platz im hehren Tempel der Kunst zu sichern. Sie experimentierten mit Chemikalien und Druckverfahren, um gerade das zu vermeiden, das nach landläufiger Meinung die besondere Qualität der Fotografie ausmachte: ihre Schärfe. Die Fotopioniere wollten mit dem Fotoapparat dagegen Bilder schaffen, die wie Gemälde wirkten. Und tatsächlich glichen ihre Arbeiten mehr einer Kohlezeichnung oder Radierung als einer konventionellen Fotografie. Die Kunstgeschichte hat für diese Gruppe von Fotografen, die auffallenderweise alle aus gutbürgerlichem und kunstbeflissenem Haus stammten, den Begriff „Piktorialisten“ oder „künstlerische Fotografen“ geprägt. Einer ihrer bedeutenden Vertreter in Österreich war Heinrich Kühn (1866-1944), dem die Albertina erst letzthin eine große Ausstellung widmete.

Die Hamburger Kunsthalle zeigt nun aktuell die Ausstellung „UNSCHARF. Nach Gerhard Richter“ und widmet sich der Unschärfe als Stilmittel in der zeitgenössischen Kunst. Dass Gerhard Richter hervorgehoben wird, ist kein Zufall. Der 1932 in Dresden geborene Maler, Fotograf und Bildhauer begann Anfang der 1960er Jahre, Bilder nach Fotovorlagen zu malen, und zwar so, dass er bestimmte Partien verwischt wiedergab. Für seine Malweise machte Richter nicht zuletzt philosophische Gründe geltend, nämlich grundsätzliche Zweifel an unserer Erkenntnisfähigkeit: Wir sollten nicht so tun, als könnten wir die Welt in seiner Gesamtheit erfassen. Tatsächlich sind wir nur für einen kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Strahlung sensitiv. Detailschärfe ist, so gesehen, eine Art Lüge – und Verschwommenheit der wahre, einzig angemessene Ausdruck. „Ich misstraue nicht der Realität, von der ich ja so gut wie gar nichts weiß, sondern dem Bild von Realität, das uns unsere Sinne vermitteln und das unvollkommen ist, beschränkt. Unsere Augen haben sich ja entwickelt zum Überleben; dass wir auch Sterne sehen können, ist purer Zufall“, sagt Richter. Ein künstlerischer Grund kommt hinzu: Richter strebt, jenseits der abstrakten Malerei, ein „Anderssein“ seiner Malerei gegenüber dem abgebildeten Gegenstand an. Manchmal macht der Künstler von seinen nach Fotos gemalten Bildern auch wieder Fotos – er spielt mit den Medien und ihrem Authentizitätscharakter. Mit diesem Ansatz hat er viele nachfolgende Künstler beeinflusst, wie in der Hamburger Ausstellung zu sehen ist.

 

„UNSCHARF. Nach Gerhard Richter“. Ausstellung in Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, 20095 Hamburg, bis 22. Mai 2011

 

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 12 /2011

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