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Foto: Martina Kerl 2010
 
Leben 23. März 2011

Gesundheit als Pluralität

In der Medizin existiert heute ein breiter Markt von Heilungs- und Gesundheits-Konzepten.

Zu allen Zeiten gab es neben dem Mainstream auch Nebenströmungen. Dies gilt vor allem für die heutige Postmoderne, in der es – angesichts der Pluralität und Heterogenität der Positionen – sozusagen nur noch Nebenströmungen geben soll.

 

Im Bereich der Medizin existiert derzeit ein breiter Markt von alternativen Heilungs- und Gesundheits-Konzepten, die sich letztlich alle aus Kombinationen der in dieser Serie bisher genannten neun Grund-Paradigmen ergeben: Gesundheit als Harmonie, Kampf, dialektischer Prozess, Hierarchie, Potentialität, Transzendenz, Autonomie, kausaler Wirkmechanismus, Organisation.

Sie mögen inspiriert sein von Erkenntnissen der Quantenphysik, Systemtheorie, Chaosforschung, Selbstorganisationstheorie, Autopoiesis, Salutogenese und so weiter: Ihre Grundgedanken speisen sich dennoch alle aus den erwähnten Elementen. Die eklektische Individualisierung und Kontextualisierung jedes einzelnen Menschen und seiner Gesundheitsgeschichte stellt nun insofern ein eigenes, zusätzliches Paradigma dar, als hier jeder Verallgemeinerbarkeit von vermeintlich allgemeingültigen Konzepten eine grundsätzliche Absage erteilt und der absolute Geltungsanspruch jedes der bisherigen Grundgedanken in Frage gestellt wird. Gleichwohl wird jedoch an dem Anspruch festgehalten, dass sich für jeden Einzelfall ein diesem adäquates Gesundheits-Konzept anpassen und bestimmen lasse. Eben dazu muss man sich aber doch wieder der neun Grundbestandteile bedienen.

Die aktuelle Nachfrage nach einem breiten Spektrum an Gesundheitsmodellen von seiten eines ansehnlichen Teils der Bevölkerung mag ein Hinweis darauf sein, dass mit dem kausalmechanischen Denken, das in den letzten 150 Jahren die moderne Medizin dominierte, Begriffe aus der Lebenswelt der Patienten, zu denen auch der Begriff der Gesundheit gehört, nicht immer zufriedenstellend erfasst und erklärt werden können. Insofern scheint es auch im 21. Jahrhundert weiterhin nötig zu sein – je nach Patient und dessen kulturellem Hintergrund –, auch auf andere, lange vergessene Grund-Paradigmen aus der Lebenswelt von Menschen unterschiedlichster Herkunft zurückgreifen zu können.

Akademische Medizin statt Esoterik

Doch sollte dieser ideengeschichtliche Revisions- und Vergegenwärtigungsprozess nicht einem grauen Markt von paramedizinischer Esoterik-Literatur überlassen werden, sondern – schon zur Abwendung einer drohenden Deprofessionalisierung der Ärzteschaft1 – von akademischen Ärzten des 21. Jahrhunderts bewusst und besonnen selbst geleistet werden. Als hilfreich hierzu könnte sich ein entsprechend aufbereitetes historisches Hintergrundwissen erweisen.

1 Unschuld PU (2005) Der Arzt als Fremdling in der Medizin: Standortbestimmung. Zuckschwert, München

Der Autor ist am Institut für Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig.

Der Originalartikel ist erschienen in: Wiener Klinische Wochenschrift 2010; 122: 538–542, © Springer-Verlag Wien 2010

Von PD DDr. Josef M. Schmidt, Ärzte Woche 12 /2011

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