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Foto: wikipedia
Johann Peter Frank plante eine „medicinische Policey“.
 
Leben 16. März 2011

Gesundheit als Organisation

Was heute „Public Health“ genannt wird, hat seine Ursprünge im 18. Jahrhundert.

Im Gefolge des neuzeitlichen Maschinen-Paradigmas des Menschen tauchte – historisch gesehen – erstmals im großen Stil auch das Bemühen des Staates auf, durch gesundheitspolitische Maßnahmen die allgemeine Gesundheit der Bürger zu verbessern.

 

Was heute Public Health genannt wird, hatte seine Ursprünge in der staatlichen Gesundheitsorganisation, Gesundheitsplanung und Gesundheitsgesetzgebung des 18. Jahrhunderts, als unter anderem Johann Peter Franks (1745–1821) epochemachendes Werk System einer vollständigen medicinischen Policey erschien. Zu dieser Zeit wurden erste Forderungen nach Gesundheitserziehung als Schulfach laut (etwa von Johann Christian Friedrich Scherf, 1750–1818). Es wurde sogar ein Gesundheitskatechismus verfasst (von Christoph Bernhard Faust, 1794). Für Kant (1724–1804) war Gesundheit Pflicht, weil sie die Sittlichkeit befördere.1

Die sich dabei ausdrückende Änderung der Mentalität wäre vor der Entwicklung des mächtigen Instruments der modernen Naturwissenschaft nicht denkbar gewesen. Erst jetzt erschien es möglich, damit auch in soziale Prozesse sowie in die Volksgesundheit einzugreifen.

Der ethisch leitende Hintergrund war der damals vorherrschende Utilitarismus und Merkantilismus, das heißt ein Nützlichkeitsdenken im Hinblick auf wirtschaftliche Prosperität und militärische Schlagkraft. Die sich in diesem Zusammenhang etablierende Soziologie wurde dementsprechend als „soziale Physik“ betrachtet (Auguste Comte, 1798–1857) und die neue wissenschaftliche Hygiene als „Wissenschaftslehre von der Gesundheit“ (Max von Pettenkofer, 1818–1901).

Im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit der neuen naturwissenschaftlichen Fächer wurde auch das Medizinstudium in den deutschen Landen reformiert: Ab 1861 gab es kein (Tentamen) Philosophicum mehr, dafür aber ein Physikum.2

1 Kant I (1797) Metaphysik der Sitten. A63–A115. In: Werke. Hrsg. von W Weischedel (1982) Bd. 8. 5. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 549–83

2 Büring M (1997) Naturheilkunde. Grundlagen, Anwendungen, Ziele. C.H. Beck, München, S. 113

Der Autor ist am Institut für Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig.

Der Originalartikel ist erschienen in: Wiener Klinische Wochenschrift 2010; 122: 538–542 © Springer-Verlag Wien 2010

Von PD DDr. Josef M. Schmidt, Ärzte Woche 11 /2011

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