zur Navigation zum Inhalt
Foto: Dr. MMag. Alexander Ginzel
Prof. Dr. Herbert Watzke, Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft.
 
Leben 8. März 2011

„Es muss Raum für Hoffnung bleiben“

Zweiter Teil unseres Gesprächs mit Prof. Dr. Herbert Watzke, Leiter der Palliativstation am AKH Wien.

Seit 2005 ist Herbert Watzke Professor für Palliativmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Er berichtet über die Erfahrungen auf seiner Station.

 

Herbert Watzke, geboren 1954 in Gmunden, ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Hämatologie und Onkologie und leitet die von ihm initiierte Palliativstation am AKH Wien

 

Herr Professor Watzke, wie verhalten sich sterbenskranke Menschen am Lebensende? Sind sie wütend, verzweifelt oder gelassen?

Watzke: Darauf gibt es keine einheitliche Antwort. Als Nicht-Geburtshelfer sage ich: Der Mensch kommt auf ziemlich uniforme Art auf die Welt, durch den Geburtskanal, und verlässt sie auf ganz unterschiedlichen Wegen – durch den Kanal kommt er, übers Meer schwimmt er wieder hinaus. Viele Menschen können bis zuletzt nicht loslassen und wollen nicht wahrhaben, dass sie sterben werden. Wir hatten hier aber auch eine ältere Patientin, die offen über ihren Tod gesprochen hat. Was sie in ihren letzten Lebenstagen zu sich nahm, waren ausschließlich Sekt-Orange und Soletti. Sie starb dann sehr friedlich. Wut ist eine natürliche Reaktion auf ein traumatisches Ereignis. Die Menschen stellen sich die Frage: Warum passiert gerade mir das? Warum muss gerade ich sterben? Sie richten Aggressionen gegen sich und ihre Mitmenschen. Das ist ein natürlicher Verarbeitungsprozess, und unser Personal ist geschult, die Aggression aufzufangen. Unglaublich, aber wahr: Fast alle Menschen wollen die Wahrheit über sich erfahren, wollen wissen, wie lange sie noch zu leben haben.

 

Sagen Sie das auch den Patienten? Wie sicher sind denn solche Prognosen?

Watzke: Wir kennen aus der Literatur die mittlere Lebenserwartung für gewisse Krankheiten. Diese Information drängen wir dem Patienten nicht auf, aber wir teilen sie ihm mit, wenn er danach fragt. Dabei gehen wir vorsichtig vor. Zunächst sagen wir: Es sind keine Jahre mehr. Möchte der Patient es genauer wissen, so sagen wir ihm, wie viele Monate oder Wochen es wahrscheinlich noch sein werden. Man könnte denken, dass der Patient danach völlig fertig ist. Aber das Gegenteil ist der Fall: Er ist danach oft viel entspannter. Endlich weiß er Bescheid. Endlich hat er die Frage gestellt, die er sich die längste Zeit nicht zu stellen getraut hat. Die Unsicherheit ist weg.

 

Schenken Sie auch den Angehörigen reinen Wein ein?

Watzke: Uns ist es angenehm, wenn bei den Aufklärungsgesprächen der Patienten ein Angehöriger dabei ist. Wir wollen keine Situation schaffen, wo Angehörige mehr wissen als der Patient. Wir sind dem Patienten verpflichtet, und nur er hat das Recht, Informationen zu erhalten. Er kann sie dann weitergeben, wem er will. Oft hören wir von Angehörigen: „Das dürfen Sie meiner Mutter aber nicht sagen. Sie ist doch schon so schwach, das wird sie nicht überleben.“ Unserer Erfahrung nach wollen die Patienten nicht belogen werden.

 

Wann sterben die Menschen? Gibt es einen Zeitpunkt, wo sich die Todesfälle häufen?

Watzke: Generell ist es so, dass in unseren Breiten in der Winterjahreshälfte die Todesfälle gering überwiegen. Individuell ist es so, dass man den Eindruck hat, dass viele sehr schwer kranke Menschen erst sterben können, wenn sie loslassen, weil ein letztes Problem gelöst ist oder ein wichtiges letztes Ziel, etwa die Geburt eines Enkels noch zu erleben, erreicht ist. Wissenschaftliche Untersuchungen dazu gibt es aber nicht.

 

Haben Sie auch schon Spontanheilungen erlebt?

Watzke: Nein, persönlich noch nicht. Aber Spontanheilungen gibt es, das ist unbestritten. Was ich jedoch bereits erlebt habe, sind ungewöhnliche Krankheitsverläufe. So lebt etwa ein Patient nun schon das Vierfache jener Zeit, die ich ihm prognostiziert hatte. Wunder gibt es immer wieder. Wir sind auch sehr dafür, dass Patienten auf Wunder hoffen. Meiner Ansicht nach muss ein Raum bleiben für Hoffnungen und Wünsche, auch wenn sie irrational sind.

 

Merken Sie, wann der Sterbeprozess einsetzt?

Watzke: Es gibt verschiedene Definitionen, wann der Sterbeprozess einsetzt, viele knüpfen ihn an den Bewusstseinsverlust. Oft erleben wir es, dass Patienten über Tage schwach und müde sind, wir aber mit ihnen noch reden können, und plötzlich sind sie tot. Wir fragen uns dann: Warum ist die Person gerade heute gestorben? Vor kurzem hatten wir eine Patientin, die in völligem Frieden im wahrsten Sinne von Tag zu Tag weniger wurde – sie ist geradewegs wie eine Blume verwelkt. Das Berührendste war eine junge Frau, die zu ihrer an ihrem Bett sitzenden Großmutter sagte: „Diese Nacht werde ich meine Larve verlassen und wie ein Schmetterling nach oben fliegen.“ In jener Nacht ist sie tatsächlich gestorben. Was sie sicherlich nicht wusste: Auch Kinder in den KZs haben an die Wände Schmetterlinge gemalt.

 

Wie verarbeiten Sie das Leid, mit dem sie jeden Tag konfrontiert sind?

Watzke: Freud hat einmal gesagt: Man überlebt in dieser Situation, wenn man nicht gefühlsangesteckt wird. Im Fall einer Gefühlsansteckung kann man nicht mehr helfen, da geht man mit dem Patienten in seinem Leid unter. Nahe Angehörige von mir könnte ich auf dieser Station sicherlich nicht behandeln. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass das Schicksal eines Patienten einem von unserem Team besonders nahe geht. In dem Fall versuchen wir mit Supervision zu helfen.

 

Die kurative Medizin hat in den letzten Jahren große Fortschritte im Kampf gegen den Tod gemacht. Gleichzeitig kam es zu einer Aufwertung des Selbstbestimmungsrechts des Patienten.

Watzke: Patientenverfügungen finde ich gut und richtig. Wir Ärzte wollen wissen, was der Patient wünscht. Andererseits: Am Lebensende wird die Autonomie ein überaus fragiles Pflänzchen. Der schwer Kranke sucht Hilfe und Unterstützung. Die einen sagen ihm: Dein Leben ist nichts mehr wert, ich fahre mit dir in die Schweiz, dort erhälst du Sterbehilfe. Die anderen sagen: Wir sind immer bei dir und betreuen dich. Der Patient schwankt hin und her, neigt einmal mehr der einen, dann wieder der anderen Seite zu. Wir haben einmal eine Umfrage über Patientenverfügungen unter Krebspatienten gemacht, wohlgemerkt nicht Sterbenden. 90 Prozent haben gesagt, sie wollen keine Patientenverfügung machen. Nach ihrem Grund gefragt, sagten sie: „Ich weiß das auch nicht, aber ich will nicht. Ich bin eh zufrieden, was der Arzt macht.“

 

Es heißt, dass im Moment des Todes die Seele aus dem Körper entweicht. Können Sie das bestätigen?

Watzke: Der Tod tritt recht unspektakulär ein. Wir können häufig kaum sagen, wann der letzte Atemzug erfolgt. Der Mensch verschwindet nach und nach – und das kann zum Schluss über Minuten gehen. Es ist nicht so, dass man bemerkte, dass da etwas entweicht. Was uns dagegen immer wieder auffällt, ist eine tiefe Entspannung in den Gesichtszügen der Toten. Wir wundern uns oft, wie ein Mensch, der so zerfurcht gewirkt hat, plötzlich so friedlich daliegen kann. Das kann, sage ich nun als Naturwissenschaftler, irgendwelche muskulären oder gewebstechnischen Ursachen haben. Aber es kann auch etwas damit zu tun haben, was man in jenem letzten Moment erlebt. Mir gefällt sehr gut, was die Buddhisten sagen: Man tritt ins Jenseits mit dem letzten Gedanken, den man hat. Entscheidend sei also nicht, wie man gelebt hat, entscheidend sei der letzte Gedanke.

 

Ist für Sie die Frage relevant, was der Tod ist, ob er ein Ende bedeutet oder ob es ein Weiterleben im Jenseits gibt?

Watzke: Es heißt immer, der Mensch fürchte sich nicht vor dem Tod, sondern vor dem Sterben. Inwieweit das tatsächlich zutrifft, können wir kaum sagen. Wir Ärzte lernen vor allem bei den Patienten die Angst vor dem Sterbeprozess kennen.

 

Wie können bei Ihnen Angehörige Abschied von den Toten nehmen?

Watzke: Wir haben einen Verabschiedungsraum, in die der Patient nicht zum Sterben, sondern dann hineinkommt, wenn er gestorben ist. Hier findet auch eine Art Übergabe statt. Wir Ärzte und Pfleger ziehen uns zurück, die Seelsorger nehmen sich der Angehörigen an. Die Palliativmedizin sieht ihre Aufgabe nicht zuletzt darin, sich auch um die Angehörigen zu kümmern.

 

Das Gespräch führten Dr. MMag. Alexander Ginzel und Mag. Wenzel Müller

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben