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Galeni Operum quorundam, quae aliquo modo mutilata ad nos peruenere fragmenta (Ausgabe aus Venedig um 1597)
Foto: Martina Kerl 2010
 
Leben 8. März 2011

Gesundheit und Kausalität

Seit jeher haben Menschen kausal gedacht und geforscht.

Das Paradigma, das sich von den bisher in dieser Serie erwähnten (Gesundheit als Harmonie, Kampf, dialektischer Prozess, Hierarchie, Potentialität, Transzendenz oder als Autonomie) am meisten unterscheidet, ist das der Kausalität.

 

Seit jeher haben Menschen natürlich kausal gedacht und geforscht, auch in der Medizin. So sprach Galen (129–200) zum Beispiel von „causae salubres“, „causae insalubres“ und „causae neutrae“ – also gesunden, ungesunden und neutralen Ursachen –, was bereits den Gedanken einer kausalen Naturgesetzlichkeit nahelegt, wenn auch in einem anderen Sinn als heute.

In der Renaissance wurden Techniken beschrieben, bestimmte Körperzustände (Gesundheit oder Krankheit) durch Magie – dabei aber durchaus kausal-gesetzmäßig – zu erzwingen. Ganz neue Dimensionen bekam kausalmechanisches Denken aber ab der sogenannten wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert, als kausale, mechanische und quantifizierende Forschung zum Grundparadigma der Naturwissenschaften schlechthin wurde.1

Zwar dauerte es noch etwa zwei Jahrhunderte, bis sich das neue Denken der modernen Naturwissenschaft auch in der Medizin Bahn brach, doch seit dem 19. Jahrhundert hat es – als Mainstream – alle anderen Denk-Ansätze in den Hintergrund gedrängt.

Seitdem ließen sich die anatomischen Bestandteile und physiologischen Funktionen des Organismus immer genauer erfassen, optimieren bzw. sogar ersetzen. Gesundheit wäre demnach die normale Gestaltung bzw. der möglichst störungsfreie, effiziente und ökonomische Ablauf aller körperlichen Funktionen.

Wozu diese jedoch ablaufen bzw. welche davon therapeutisch anzuregen oder zu unterdrücken seien, lässt sich von einem rein kausalanalytischen Denkmodell aus allerdings nicht ohne weiteres entscheiden. So hat man sich meist mit Korrelationen zu begnügen, etwa zwischen bestimmten Laborwerten, Ernährungsweisen oder Ähnlichem einerseits und einer damit verbundenen Erhöhung oder Erniedrigung der Lebenserwartung andererseits, um erstere dann – aufgrund der statistischen Datenlage – als gesund oder ungesund zu qualifizieren.

1 Shapin S (1996) The scientific revolution. University of Chicago Press, Chicago

Der Autor ist am Institut für Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig.

Der Originalartikel ist erschienen in: Wiener Klinische Wochenschrift 2010; 122: 538–542 © Springer-Verlag Wien 2010

Von PD DDr. Josef M. Schmidt, Ärzte Woche 10 /2011

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