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Für Ulrich von Hutten (1488–1523) war Gesundheit die Folge moralischen Lebens.

 
Leben 2. März 2011

Gesundheit als Autonomie

Die Vorstellung, dass eigenverantwortliches Handeln Krankheiten verhindert, ist gar nicht so neu.

Gesundheit als Autonomie soll bedeuten, dass Gesundheit als Resultat aufgeklärten eigenverantwortlichen Handelns angesehen wird. Dieser Gedanke war bereits in der Antike vorhanden, wurde im Mittelalter nur mäßig gepflegt, erreichte aber in der Aufklärung eine neue Blüte.

 

In der Antike wurde Gesundheit als eine Tugend aufgefasst, zumal sie wesentlich auf Selbstbeherrschung und Mäßigung beruhe (Aristoteles; Cicero, 106–43 v. Chr.; Seneca). Aber auch Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) und Goethe dachten in sehr ähnlicher Weise.

Oder Gesundheit wurde als Resultat von Weisheit und Bildung gesehen, etwa in der jüdischen Tradition oder in der Hausväter- und Ratgeberliteratur der Renaissance, die von der Prämisse ausging, dass allein der Paterfamilias für die Gesundheit seiner Familie einschließlich seines Gesindes verantwortlich war. Gesundheit wurde auch als Resultat der Befolgung einer speziellen Diätetik aufgefasst, wie in den ersten Regimina sanitatis der islamischen Kultur, ab dem 8. Jahrhundert, die erst im 11. bis 15. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt wurden.1

Nicht zu vergessen seien auch die Gesundheitsratgeber der Renaissance, einschließlich Petrarcas (1304–1374) Empfehlung einer „vita solitaria et contemplativa“, oder die Anweisungen zu einem gesundheitsgerecht konstruierten Haus sowie die Empfehlung eines gesunden Hungers als steten Begleiter, wie von Seiten Alvise Cornaros (1484–1566).2 Für Ulrich von Hutten (1488–1523) war Gesundheit die Folge moralischen Lebens, und Dekadenz und Völlerei waren die Ursachen für deren Niedergang. Je nach konzeptuellem oder weltanschaulichem Hintergrund kann dieselbe Diätetik-Regel – eigenverantwortlich – freilich wiederum aus unterschiedlicher Motivation bzw. mit unterschiedlicher Zielrichtung eingesetzt werden: zur Harmonisierung des eigenen Lebens, Bekämpfung krankmachender Einflüsse, Anregung einer dialektischen Bewegung, Hierarchisierung von Seele und Körper, Aktualisierung schlummernder Potentiale, Transzendierung in Richtung auf höhere Formen von Gesundheit usw.

1 Schmitt W (1973) Theorie der Gesundheit und „Regimen sanitatis“ im Mittelalter. Med. Habil. Schrift, Heidelberg
2 Bergdolt K (1992) La vita sobria – Gesundheitsphilosophie und Krankheitsprophylaxe im Venedig des 16. Jahrhunderts. Medizin, Gesellschaft und Geschichte 11: 25–42

Der Autor ist am Institut für Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig.

Der Originalartikel ist erschienen in: Wiener Klinische Wochenschrift 2010; 122: 538–542 © Springer-Verlag Wien 2010

Von PD DDr. Josef M. Schmidt, Ärzte Woche 9 /2011

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