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Foto: Mag. Wenzel Müller
Foto: Archiv

Prof. Dr. Otto Lesch Suchtexperte

 
Leben 23. Februar 2011

Hilfe für die Schwächsten

Kooperation der Notschlafstelle VinziRast mit dem Fußballverein Wiener Viktoria.

Im Oktober letzten Jahres ist Prof. Dr. Otto Lesch in Pension gegangen. Doch zur Ruhe gesetzt hat sich Österreichs Suchtexperte noch lange nicht. Er engagiert sich in der Notschlafstelle VinziRast und war nun maßgeblich daran beteiligt, dass der Fußballklub Wiener Viktoria in der kalten Jahreszeit seine Umkleidekabinen für Obdachlose als Nachtquartier zur Verfügung stellt.

 

Der Hund geht voran, er kennt den Weg genau. Zielsicher begibt er sich in die Schiedsrichterkabine. Mit Frauchen und Herrchen hat er hier bereits die letzten Nächte verbracht, nun wird er es wieder tun. Während die Männer sich die größeren Umkleidekabinen teilen, erhalten Frauen und Paare die kleineren Räume zugeteilt.

Seit Ende des letzten Jahres stellt der Sportklub Wiener Victoria Sun Company seine Vereinskabinen Obdachlosen als Nachtlager zur Verfügung. Eine Kooperation mit der Notschlafstelle VinziRast. Wenn die Notschlafstelle in der nahegelegenen Wilhelmstraße belegt ist, müssen die Quartiersuchenden nicht mehr weggeschickt werden, sie können beim Fußballklub unterkommen. Der Verein stellt die Räume zur Verfügung, die ehrenamtlichen Mitarbeiter der VinziRast kümmern sich um die Organisation und die Aufsicht.

Klaus (Name geändert) holt sich eine Matratze aus dem improvisierten Lager des Vereinshauses, dazu frisches Bettzeug. Er wird diese Nacht auf dem Fußballgelände verbringen, weil ihn seine Frau aus der Wohnung geworfen hat. „Die Frauen haben heute viel zu viel Rechte“, schimpft er und sucht sich einen Schlafplatz. Von den etwa zehn Wohnungslosen, die an diesem Abend gekommen sind, ist er der einzige Österreicher, die anderen stammen hauptsächlich aus dem Osten, aus Ungarn, Rumänien, Tschetschenien.

Frisch gereinigte Umkleide- und Duschräume, dazu Shampoos und Badetücher, alles ist perfekt vorbereitet, das Werk von Ibrahim, dem Platzmeister, und seiner Frau. Die beiden haben nun jeden Abend Sonderschichten einzulegen, doch das machen sie gerne, das spürt man. Einmal ließen sie auch zwei Slowakinnen eine Woche lang bei sich zu Hause wohnen. Die hatten kein Geld, das genügte als Grund. Kennengelernt hatten sie dann einander erst beim Zusammenwohnen. Ihre sechs Kinder mussten in dieser Zeit etwas mehr zusammenrücken, als sie es in der kleinen Wohnung ohnehin schon müssen.

Ehrenamtliche Mitarbeit

Österreichs Suchtexperte, Prof. Dr. Otto Lesch, ist Ehrenpräsident bei dem Fußballverein Wiener Viktoria. Früher hatte er, bis zu seinem 38. Lebensjahr, selber in dem Verein gespielt – „ich hatte mir mein Studium mit Fußballspielen finanziert“. Mit seiner Hilfe ist es zur Kooperation mit der VinziRast gekommen, wo Lesch, der sich in seiner Arbeit immer besonders für die Nahtstelle zwischen Armut und Psychiatrie interessiert hat, ehrenamtlich als medizinischer Betreuer arbeitet.

Suchtpräventionsprogramm

Die Wiener Viktoria ist ein etwas anderer Verein. Zwar geht es auch dem Meidlinger Verein um den sportlichen Erfolg, heuer, zum 80-jährigen Jubiläum, soll es mit dem Aufstieg in die Wiener Stadtliga klappen, doch ihm geht es um mehr. Um Integration, um Zusammenhalt, um Solidarität, ja um den Aufbau einer großen Familie. Der Verein bietet den vielen aus dem Ausland kommenden Eltern Deutsch-Kurse an, während ihre Kinder Training haben, und unterstützt die Spieler dabei, eine Lehrstelle zu finden. Auch abseits des Fußballplatzes sollen sie mit dem Leben zurande kommen. Dazu läuft ein von Lesch initiiertes Suchtpräventionsprogramm. Denn gegen Sucht, weiß der Experte, hilft am besten Rückhalt, und wenn der nicht durch die eigene Familie gegeben werden kann, so muss eine Ersatzfamilie einspringen, beispielsweise ein Verein.

„Die Stadt Wien stellt ausreichend Kapazitäten für Obdachlose aus Österreich und den EU-Ländern bereit, nicht jedoch aus anderen Ländern. Diese Lücke schließt die VinziRast. Hier wird jeder aufgenommen, egal woher er kommt. Nur mussten wir bisher Hilfesuchende auch bei -10 °C wieder wegschicken, wenn wir belegt waren. Nun können die auf den Fußballplatz ausweichen“, sagt Lesch.

Obdachlose übernachten in den Vereinsräumlichkeiten – hinterlassen sie nicht Unordnung, Gestank und Läuse? Das befürchteten gerade die Eltern einiger jüngerer Spieler, doch diese Bedenken konnten inzwischen zerstreut werden, vor allem dank eines von Ibrahim selbst zusammengestellten Reinigungsmix. Dieser Reinigungsmix verscheucht jeden Geruch und macht alles wieder blitzblank sauber, sogar sauberer als je zuvor, da nun nicht nur einmal, sondern zweimal am Tag gereinigt wird, nämlich auch am frühen Morgen, nachdem die Obdachlosen ihr Nachtquartier wieder verlassen haben. Eigenartige Welt: Gerade die Eltern, erzählt Ibrahim, die die größten Vorbehalte geäußert hätten, seien nun diejenigen, die am großzügigsten für die Obdachlosen spendeten.

Während der Winterpause, von Mitte Dezember bis Mitte Jänner, wird das Vereinshaus normalerweise winterdicht gemacht und zugesperrt. Heuer lief die Heizung durch, damit es die Obdachlosen warm haben und duschen können. Und Badeschlapfen haben sie auch – die Spieler der Kampfmannschaft stellen ihre eigenen zur Verfügung. Dass sie die zuverlässig zurückbekommen, selbstverständlich ordentlich gereinigt, dafür sorgen schon Ibrahim und seine Frau.

Niederschwellige Notschlafstelle
Was haben die Ärztin Prim. Dr. Michaela Seyr und der Industrielle Dr. Hans-Peter Haselsteiner gemeinsam? Für sie ist es selbstverständlich, sich für die Ärmsten unserer Gesellschaft einzusetzen. Sie beide engagieren sich in der 2004 von Cecily Corti ins Leben gerufenen VinziRast, einer Notschlafstelle für Obdachlose in Wien. Es ist eine sogenannte niederschwellige Notschlafstelle, denn hier wird jeder Hilfesuchende aufgenommen, egal woher er kommt, egal wer er ist, egal ob mit Hund oder (Alkohol-)Fahne. Es gilt der Grundsatz: Mensch ist Mensch.
Verein Vinzenzgemeinschaft, St. Stephan, VinziRast-CortiHaus
Wilhelmstraße 10, 1120 Wien, Tel/Fax 43-1-810 74 32

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 8 /2011

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