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Foto: Archiv Diogenes Verlag
W. Somerset Maugham (1874-1965) war Mediziner, der diesen Beruf nie ausübte. Er entschied sich stattdessen für ein Leben als freier Autor.
 
Leben 15. Februar 2011

„Ohne Stottern wäre er nicht Autor geworden“

Autor und Arzt: W. Sommerset Maugham (1874-1965).

W. Somerset Maugham hatte in London sein Medizinstudium ordentlich zu Ende gebracht. Doch statt im Krankenhaus zu arbeiten oder eine eigene Ordination zu gründen, entschied er sich für ein Leben als freier Autor. Anfangs ein Hungerleider, stieg er schließlich zu einem der erfolgreichsten und vermögendsten Schriftsteller auf.

 

In seinem Leben sei er vom Glück begünstigt worden, sagte einmal der britische Arzt und Autor W. Somerset Maugham (1874-1965). Dazu kann man nur sagen: Das zeugt von einem überaus entspannten Verhältnis zur eigenen Lebensgeschichte!

Gewiss, im Alter war der Romancier und Bühnenautor überaus erfolgreich, so erfolgreich, dass er sich eine Villa mit mehreren Bediensteten in Cap Ferrat an der französischen Riviera leisten konnte. Doch das war nicht immer so. Am Anfang führte er ein wahres Hungerleben. Die Einkünfte aus seinen Veröffentlichungen waren so spärlich, dass sie kaum zum Essen reichten. Und das Leben davor, seine Jugendzeit, war auch nicht gerade freundlicher, nämlich geprägt von dauernder Erniedrigung und Verspottung.

In seinem autobiographischen Roman Der Menschen Hörigkeit, der nun vom Diogenes Verlag in einer überarbeiteten Fassung neu herausgegeben worden ist, erzählt Maugham von seiner Leidensgeschichte: Philip, sein literarisches alter ego, hat einen Klumpfuß. Das schließt ihn aus der Gemeinschaft aus, insbesondere vom gemeinsamen Fußballspiel mit seinen Mitschülern. Damit nicht genug, sein Handicap zeigt sich im wahrsten Sinne mit jedem Schritt. Philip ist sozusagen für das Leben gezeichnet. Hinzu kommt, dass er schon früh Vollwaise wurde und bei seinem ungeliebten Onkel, einem bigotten Pfarrer, aufwächst, der es mit seiner wenig einfühlsamen Art schafft, dass Philip seinen Glauben an Gott verliert.

Buch zur Selbsttherapie

Der Roman ist eine Mischung aus Fakten und Fiktion. „Die Gefühle sind meine eigenen, aber nicht alle Vorfälle werden so erzählt, wie sie sich ereignet haben“, so der Autor im Vorwort, der dieses Buch im Übrigen zum Zwecke der Selbsttherapie geschrieben hatte, um all die Erniedrigungen loszuwerden, die ihn während der Schulzeit gemartert hatten. Es stimmt, dass Maugham zuerst seine Mutter und dann seinen Vater verlor und ohne Eltern aufgewachsen ist. Es stimmt auch, dass er unter einer starken Behinderung litt, nur war das kein Klumpfuß, sondern eine Sprachbehinderung: er stotterte.

Wie sich ein Stotterer fühlt, hat Maugham in einem Essay über seinen ebenfalls stotternden Freund und Kollegen Arnold Bennett, aus eigenen Erfahrungen schöpfend, beschrieben: „Es war schmerzlich, den Kampf zu beobachten, bis er zuweilen die Worte herausbrachte. Es war eine Tortur für ihn. Wenige bemerkten, wie ihn das Sprechen erschöpfte. Was den meisten Menschen so leicht wie das Atmen fällt, bedeutete ihm eine fortwährende Anstrengung. Vielleicht wäre Arnold ohne das Stottern, das ihn zur Zurückgezogenheit zwang, niemals Schriftsteller geworden.“

Dieses Wort trifft höchstwahrscheinlich auch auf Maugham selbst zu, bestimmt war das auch für ihn der entscheidende Impuls: Wenn er sich seinen Mitmenschen schon nicht im Gespräch mitteilen konnte, so wollte er es zumindest in schriftlicher Form tun. „Vielleicht ist der Gedanke gar nicht so abwegig, nach welchem Maughams wunderbar polierte, gleichmäßig dahinrollende Sprache das Ergebnis einer literarischen Kompensationsbemühung ist: Es war ihm versagt, fließend zu sprechen, darum wollte er die Redehemmung wenigstens im schriftlichen Ausdruck überwinden“, schreibt der Essayist Jean Améry.

Nach der Schule geht Maugham nach Heidelberg und studiert Philosophie. Für ihn steht fest: Er möchte Schriftsteller werden. Sein Onkel besteht aber darauf, dass er einen ordentlichen Beruf erlernt. Also studiert Maugham in London Medizin. „Ich wüsste keine bessere Schule für einen Schriftsteller, als einige Jahre in einem Krankenhaus zu arbeiten. Vermutlich lernt man in einer Anwaltskanzlei viel über die menschliche Natur, aber im Großen und Ganzen hat man es mit Menschen zu tun, die sich voll in der Gewalt haben. Der Arzt dagegen, vor allem der Krankenhausarzt, sieht sie unverhüllt“, berichtet Maugham im Rückblick.

Maugham schließt sein Medizinstudium erfolgreich ab, doch eine eigene Ordination zu gründen, das reizt ihn nicht. Er möchte ein freier Autor werden und es zieht ihn in die große weite Welt. Tatsächlich wird er in den folgenden Jahren viel reisen. Er macht das zum einen, um Stoff für seine Geschichten zu sammeln. Zum anderen auch, „um seiner Doppelleidenschaft zu frönen: Buben und Bridge“, wie Gore Vidal in einem Essay schreibt.

Erfolgreicher Autor

Maugham war homosexuell, eine Veranlagung, die zu seiner Zeit noch Verfolgung durch die Staatsorgane bedeutete, wie etwa Oskar Wilde bitter erleben musste. Seinem Neffen Robin gegenüber bekundete Maugham gegen Ende seines Lebens, dass er versucht habe, sich einzureden, er sei zu drei Viertel „normal“ und zu einem Viertel homosexuell. In Wirklichkeit sei es aber andersherum gewesen.

Seinen Durchbruch hatte Maugham 1908 mit dem Theaterstück Lady Frederick. In den folgenden Jahren waren mitunter vier Theaterstücke von Maugham zur gleichen Zeit auf den Londoner Bühnen. Diese große Resonanz wurde durch eine Karikatur in der Zeitschrift Punch illustriert: sie zeigt einen vor Wut und Neid an den Nägeln kauenden Shakespeare vor den Ankündigungsplakaten mit Stücken Maughams. Der Autor mutiert vom Hungerleider zum geschätzten und schließlich überaus vermögenden Autor.

27 Romane, 25 Theaterstücke und über 200 Kurzgeschichten – das ist Maughams Lebens- oder besser: Schaffensbilanz. Er hat nicht den einen wuchtigen Roman geschrieben, der für alle Ewigkeiten in Erinnerung bleibt, auch nicht das eine Theaterstück, das zum Klassiker aufgestiegen ist. Dazu war der Autor viel zu bescheiden. Sein Anspruch war, zu unterhalten, und das nicht auf die billige Art. Er war ein klassischer Erzähler, der nicht richtete, sondern einfühlsam beschrieb. „Wenn seine Geschichten und seine besten Romane noch heute so viele Leser finden, so eben nicht wegen ihrer Pointen und kunstvollen Plots, sondern wegen ihrer Atmosphäre eines durch Eleganz gefilterten Nihilismus, ihrer Wahrhaftigkeit, wegen ihres illusionslosen Blicks auf Menschenleben und Tod“, schreibt der österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 7 /2011

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