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Abstriche von Escherichia-coli-Bakterien aus dem Darm in der Petrischale.

 
Leben 8. Februar 2011

E. coli – das berühmteste Bakterium der Welt

Theodor Escherich, Kinderarzt und Bakteriologe, starb vor genau 100 Jahren, am 15. Februar 1911.

Nicht immer sind Bakterien böse. Das entdeckte der Kinderarzt Theodor Escherich (1857 – 1911) im Jahr 1885. Das große „E.“ –Escherichia – im Namen des berühmtesten und mit Abstand am besten untersuchten Mikroorganismus E. coli erinnert seit 1919 – die offizielle Anerkennung der Bezeichnung erfolgte allerdings erst 1958 – an diesen genialen Pionier der Kinderheilkunde und Bakteriologie.

Escherich

 

Am 15. Juli 1885 berichtete Theodor Escherich in München über das von ihm entdeckte „Bacterium coli commune“ und weitere „zehn Bacillenarten, fünf Kokken, mehrere Sarcinen und Sprosspilze“. Er konnte erstmals nachweisen – durch die damals hohe Säuglingssterblichkeit hatte Escherich die Möglichkeit, die Keimbesiedelung der verschiedenen Darmabschnitte direkt zu untersuchen –, dass der Darm des Neugeborenen nach der Geburt steril ist und die bakterielle Darmbesiedelung erst etwa 14 Stunden später aus der Umgebung und Nahrung erfolgt. Besonders interessierte ihn die erste Keimbesiedelung post partum. Im Jahr 1886 habilitierte er sich mit seiner Arbeit „Die Darmbakterien des Säuglings und ihre Beziehung zur Physiologie der Verdauung“. Ausführlich beschrieb der Kinderarzt hier das zahlenmäßig am häufigsten vorkommende Bakterium. „Dasselbe wurde bislang nur im Darmkanal und zwar besonders reichlich in den unteren Abschnitten desselben gefunden und deshalb mit dem Namen ‚Colonbacterium‘ bezeichnet.“ Er nannte es daher das allgemeine Dickdarmbakterium, eben „Bacterium colon commune“. Die Besiedelung der oberen Darmabschnitte bezeichnete Escherich als monoton und spärlich und stellte fest, dass Art und Anzahl der Bakterien an der Ileocoecalklappe schlagartig zunehmen. Der geniale Kinderarzt konnte auch zeigen, dass sich durch das Stillen sehr rasch eine Besiedelung des Darms mit „gesunden“ Keimen entwickelt, die den Organismus vor schädlichen Bakterien schützen. Später fand er, dass das „Bacterium colon commune“ auch ein obligater Darmkeim im Stuhl von Erwachsenen ist. Escherich gilt heute auch als Erstbeschreiber der gramnegativen Stäbchenbaktriums Campylobacter. Die Bedeutung dieses Keimes erkannte er jedoch nicht.

Modellobjekt E. coli

Sehr wohl erkannte er aber, dass auch pathogene Varianten des Colonbacteriums vorkommen, die als Erreger von Durchfällen, Harnwegsinfekten, Meningitis, Sepsis, Entzündungen der Lunge, der Galle und Wundinfektionen nach chirurgischen Eingriffen eine große Rolle spielen. Nicht ahnen konnte er freilich, dass die später ihm zu Ehren „Escherichia coli“ benannte Spezies zum Modellobjekt für die Körperfloraforschung, als Indikator für Verunreinigung von Lebensmitteln und Gewässern und zum beliebtesten „Versuchstier“ der Mikrobiologen, Molekulargenetiker und Biochemiker aufsteigen würde. An „E. coli K-12“, dem Urvater aller völlig harmlosen Colikeime, der 1922 aus dem Stuhl eines Diphtheriekranken isoliert wurde und sich heute in der bakteriologischen Stammsammlung der Stanford-University befindet, wurde 1973 die erste Genmanipulation durchgeführt.

Nach Abschluss seines Medizinstudiums in Würzburg, Kiel, Berlin und Straßburg promovierte Escherich 1882 in Würzburg. Sein Interesse für Kinderheilkunde führte ihn 1884 nach Wien, wo er Vorlesungen bei Hermann von Widenhofer besuchte, der damals einen der noch seltenen Lehrstühle für Kinderheilkunde inne hatte und das St. Anna-Kinderspital leitete, eines der ältesten Kinderkrankenhäuser der Welt. Zwei Jahre später habilitierte sich Escherich in München, wo er sich auch „mit stürmischem Drang“ in die damals neue Bakteriologie mikroskopierte und zu einem der erfolgreichsten Bakteriologen der Pädiatrie wurde.

Durch seine wissenschaftlichen Arbeiten wurde Escherich in der Fachwelt bald bekannt und 1890 berief man ihn als Professor in das Grazer St. Anna Kinderspital. Hier schuf er in kurzer Zeit eine pädiatrische Klinik von internationalem Ruf. Das Organisationstalent Escherich verstand es, „Staat, Land, Kommune und Private virtuos zugunsten der Anstalt finanziell zu melken“. Neben seinen Arbeiten über die Darmflora waren seine Forschungen über Tetanie, Scharlach, Diphtherie und Tuberkulose wegweisend für die Kinderheilkunde. Frühzeitig erkannte er den Wert des Diphtherieserums von Emil von Behring und die Bedeutung der damals neuen unblutigen Intubation mit einer Metallröhre über den Mund bei drohender Erstickung.

Nach dem Tod Widenhofers erhielt Escherich 1902 den Wiener Lehrstuhl für Pädiatrie und wurde gleichzeitig Direktor des Wiener St. Anna-Kinderspitals. Auch hier trieb Escherich nicht nur seine wissenschaftlichen Arbeiten voran, sondern verfolgte wie schon in Graz unbeirrbar auch seine sozialmedizinischen Ideen.

Da der Neubau der Universitätskinderklinik immer wieder verzögert wurde, begann er das St. Anna Kinderspital großzügig auszubauen und an die modernen Erfordernisse anzupassen. Ein Labor wurde eingerichtet, ein Röntgenzimmer installiert – Escherich war der Erste, der in Wien Kinder durchleuchtete, und der neuen Säuglingsabteilung gliederte er eine eigene Schule für Säuglingsschwestern an. Mit dem Verein Säuglingsschutz, mit Stillpropaganda, Mutterberatung und der Gründung einer Milchverteilungsstelle kämpfte Escherich gegen die hohe Säuglingssterblichkeit, für die er vor allem die schlechten hygienischen Verhältnisse in den unteren Bevölkerungsschichten verantwortlich machte.

Soziales Engagement

Im Jahr 1908, in welchem Kaiser Franz Josef I. sein 60-jähriges Regierungsjubiläum feierte, machte Escherich neuerlich auf die hohe Säuglingssterblichkeit – „diesen beschämenden Winkel unseres sozialen Lebens“ – aufmerksam. Für ihn lag hier ein „durch das Versäumnis der Behörden und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft geduldeter Kindermord“ vor. Aber erst sein Hinweis auf die national-ökonomische Bedeutung der Säuglingsmortalität, die enorme Schädigung des Nationalvermögens durch den Verlust an Arbeits- und Wehrkraft rückte das Problem in das öffentliche Bewusstsein. Die von ihm initiierte große Spendenaktion „Für das Kind“ schuf die Grundlage für den „Kaiser-Jubiläumsfonds für Kinderschutz und Jugendfürsorge“. Mit dem Geld dieses Fonds wurde, allerdings erst vier Jahre nach Escherichs Tod, die Reichsanstalt für Mutter- und Säuglingsfürsorge – später Kinderklinik Glanzing – eröffnet, die erste derartige Anstalt, die nicht nur von der privaten Wohltätigkeit, sondern auch vom Staat finanziert wurde. Obwohl Escherich mittlerweile der Kinderarzt der vornehmen Wiener Gesellschaft, des Adels und königlicher Familien im In- und Ausland war, bemühte er sich weiterhin sehr um Kinder aus armen Verhältnissen.

Am 15. Februar 1911 starb Theodor Escherich an einem apoplektische Insult. „Bei ihm gab es keinen Unterschied zwischen arm und reich, und jeder, der zu ihm kam und ihn um Hilfe anging, fand seine Unterstützung“, schrieb die Reichspost Wien in ihrem Nachruf einen Tag nach seinem plötzlichen und unerwarteten Tod.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 6 /2011

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