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Foto: Jakob Jordaens
Die sieben Todsünden sind in der bildenden Kunst seit dem Mittelalter ein häufiges Thema. In das „Fest des Bonenkönigs“ (17. Jahrhundert) geißelt Jakob Jordaens die Völlerei.
Foto: Martin Parr

Martin Parr findet dankbare Motive auf den Festen der Schönen und Reichen. Dieses Bild des Magnum-Mitarbeiters hat den Titel: Luxury USA, Los Angeles, 2008.

Lust und Laster Die 7 Todsünden von Dürer bis Nauman Kunstmuseum Bern (Hrsg) 380 Seiten, € 39,80 Hatje Cantz Verlag, 2010 ISBN 9783775726474

 
Leben 8. Februar 2011

Verlockungen des Bösen

Bern: Ausstellung „Lust und Laster“.

Geiz gilt heute bekanntlich als „geil“. Sind die sogenannten sieben Todsünden inzwischen bereits hoffnungslos antiquiert? Und wie geht die Kunst mit dem mittelalterlichen Moralkodex um? In Bern versuchen das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee gerade in einer gemeinsamen Ausstellung darauf eine Antwort zu geben.

 

Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Wollust, Völlerei – im 6. Jahrhundert listet Papst Gregor I erstmals die sieben Hauptlaster auf, die seit dem Mittelalter Todsünden genannt werden und den Sünder geradewegs in die Verdammnis führen. So jedenfalls die damalige Vorstellung. Gilt die auch heute noch? Kaum, denn an einem guten Essen können wir nichts Verwerfliches finden. Und sind Neid und Hochmut nicht jene Triebfedern, die unsere Wirtschaft überhaupt in Schwung halten? Auch die Wollust sehen wir mit anderen Augen, seit uns Sigmund Freud gelehrt hat, dass der Mensch auch (und vor allem) eine triebhafte Seite hat.

Mittelalterlicher Moralkodex

Gegenüber dem Mittelalter besteht der große Unterschied, dass die sittlichen Verfehlungen heute erstmals die Mehrheit der Menschen betreffen. Früher waren sie nur für eine kleine Schicht virulent, für jene Menschen nämlich, die vermögend genug waren, um sich überhaupt sinnliche Exzesse leisten zu können.

Ist der mittelalterliche Moralkodex heute also überholt und hoffnungslos antiquiert? Auch das lässt sich so nicht sagen. Hochmut und Gier, diese alten Laster, wurden erst in letzter Zeit im Zuge der Finanzkrise Bankern und Managern zur Last gelegt, die nicht genug an Gehältern und Abfindungen bekommen konnten. Und als hätten die sieben Todsünden nichts von ihrer Verbindlichkeit eingebüßt, ist in unserer Zeit ein Trend zur Achtsamkeit auszumachen. Slow food ist populär, jene Kultur, die abseits jeder Völlerei das genussvolle Essen propagiert. Und Ärzte entdecken, dass es erfüllender ist, einem Patienten genau zuzuhören und ihm zu helfen, als die Praxis allein als Wirtschaftsunternehmen zu begreifen.

Und wie gehen die Künstler mit diesem Thema um? Dieser Frage gehen in einer gemeinsamen Ausstellung das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee in Bern nach. Sie spannen einen Bogen vom Mittelalter bis in unsere Zeit, um Veränderungen, aber auch Kontinuitäten nachzuspüren.

Am Anfang dominierten die allegorischen Darstellungen, eines Hieronymus Bosch oder Pieter Bruegel des Älteren etwa. Sie Sünden-Malerei hatte ihren pädagogischen Auftrag. Es galt, die Strauchelnden zurück auf den rechten Weg zu bringen.

Unverhüllte Darstellung

Heutige Künstler wie Jeff Koons oder Larry Clark fühlen sich nicht mehr an eine Mission gebunden. Sie haben Spaß an der direkten, unverhüllten Darstellung, auch des Koitus. Das Zentrum Paul Klee zeigt diese „Werke von schutzwürdigem kulturellem Wert“, schreibt dazu aber auch, dass die Ausstellung für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet sei: „Einige der ausgestellten Werke weisen pornografischen Charakter auf, der ihre Empfindungen verletzen könnte.“ Die Museumsleitung sah sich offenbar mit der Gefahr konfrontiert, selber eine Sünde zu begehen.

 

Ausstellung „Lust und Laster. Die Sieben Todsünden von Dürer und Naumann“. Kunstmuseum Bern und Paul Klee Museum, bis 20. 2. 2011, 3000 Bern, Schweiz

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 6 /2011

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