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Foto: Martina Kerl 2010
Foto: wikipedia

Für Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836) herrscht die Lebenskraft über den Körper.

 
Leben 8. Februar 2011

Gesundheit als Hierarchie

Ein weiteres Konzept: Ordnung und Maß sollen im Staat und im Körper herrschen.

Das Konzept von Gesundheit als richtige Proportion, Ebenmaß, richtige Stimmung, Einklang oder Schönheit basiert letztlich auf der Idee einer abgestuften Hierarchie der relevanten Teile.

 

Gesundheit kann auch als Hierarchie, gestufte Herrschaft oder Ordnung gesehen werden. Je nach politischem Hintergrund gehen hier die Meinungen und Konzepte sehr auseinander.

Ein Verteidiger der griechischen Demokratie, der Arzt Alkmaion von Kroton (6./5. Jh. v. Chr.), definierte Gesundheit zum Beispiel als Isonomie, das heißt gleiche Herrschaft aller Beteiligten. Monarchie wäre demgegenüber die Herrschaft eines Einzelnen, was als krankhafter Zustand angesehen wurde.

Auch der Arzt und Reichstagsabgeordnete Rudolf Virchow (1821–1902) projizierte seine politischen Vorstellungen auf den Organismus, als er dessen gesunde Verfassung mit der eines (demokratischen) Staatsgebildes verglich.1 Neben dem Modell einer egalitären Herrschaft des Volkes lässt sich Hierarchie aber auch aristokratisch-abgestuft denken. Dies wird vor allem deutlich bei Konzepten, die sich auf das Herrschaftsverhältnis zwischen den Seelenteilen beziehen (wie bei Platon oder Sigmund Freud, 1856–1939) oder auf die Herrschaft der Seele über den Körper (wie bei Pythagoras, ca. 570–497, oder Platon), des Organischen über das Anorganische (wie bei Hegel, 1770–1831) oder einer vermeintlichen Lebenskraft über den Körper (wie bei Hufeland, 1762–1836, und anderen).

Auch das Konzept von Gesundheit als richtige Proportion, Ebenmaß, richtige Stimmung, Einklang oder Schönheit basiert letztlich auf der Idee einer abgestuften Hierarchie der relevanten Teile. Schon der altägyptische Begriff für gerechte Ordnung, „Ma’at“, wurde gleichermaßen auf eine politische wie individuelle „gesunde“ Verfassung bezogen.2

1 Andree C (1996) Die „Zellular-Pathologie“ als Basis der modernen Medizin. Rudolf Virchow – Leitfigur einer Epoche. In: Schott H (Hrsg.) Meilensteine der Medizin. Dortmund, S. 340–6 2 Assmann J (2000) Ägypten. Eine Sinngeschichte, 2. Aufl. Fischer, München Wien

Der Autor ist am Institut für Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig.

Der Originalartikel ist erschienen in: Wiener Klinische Wochenschrift 2010; 122: 538–542, © Springer-Verlag Wien 2010

Von PD DDr. Josef M. Schmidt, Ärzte Woche 6 /2011

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