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Fotos (2): Walter Kappacher / Verlag Müry Salzmann

In der kalten Jahreszeit zeigt sich der Grabensee für den Autor Walter Kappacher von seiner schönsten, in jedem Fall fotogensten Seite.

Walter Kappacher Schönheit des Vergehens 80 Seiten, 28 Euro Verlag Müry Salzmann, Salzburg, 2009 ISBN 9783990140031

 
Leben 2. Februar 2011

Von der therapeutischen Wirkmacht der Natur

Fotoarbeiten von Walter Kappacher im Wiener Literaturhaus: „Schönheit des Vergehens“.

Entweder – oder. Entweder Autor oder Fotograf. Dass einer auch beides sein kann, verstößt gegen unser Schubladendenken, ist aber dennoch möglich, wie am Beispiel des Georg-Büchner-Preisträgers Walter Kappacher zu sehen ist.

Im Jahr 2009 erhielt Walter Kappacher den Georg-Büchner-Preis, den wohl bedeutendsten literarischen Preis im deutschsprachigen Raum. Eine hohe Auszeichnung, die aber, wie es scheint, nichts an seiner Situation ändern wird: Der Autor, 1938 in Salzburg geboren, darf sich größter Wertschätzung bei der Literaturkritik erfreuen, doch das sogenannte breiten Publikum kennt ihn kaum. Er gehört zu den „Leisen“ im Lande, zu den „Seltenen“, wie ihn sein Schriftstellerkollege Peter Handke bezeichnet. Leise im öffentlichen Auftreten, leise auch in seinem literarischen Schaffen. Kappachers Romane und Erzählungen leben nicht von dramatischen Ereignissen, sondern eher von der genauen Beobachtung.

Immer wieder der Grabensee

Das Wiener Literaturhaus ehrt den Salzburger Autor im Augenblick mit einer Ausstellung. Gezeigt werden seine Buchveröffentlichungen, von denen ein großer Teil gar nicht mehr im Handel ist, gezeigt werden auch seine Fotoarbeiten. Diese Werke, schon letztes Jahr in der Leica-Galerie Salzburg zu sehen und inzwischen in dem Fotoband „Schönheit des Vergehens“ des jungen Salzburger Verlags Müry Salzmann versammelt, kreisen um ein einziges Thema: den kleinen Grabensee, der in der Nähe von Kappachers Wohnort nahe der oberösterreichischen Grenze liegt. Immer wieder das gleiche Motiv, doch jedesmal andere Bilder. Der See im Nebel, der See bedeckt von einer dünnen Schneeschicht, der See mit Eisbrocken. Das oft aus seinem topografischen Zusammenhang herausgelöste und abstrakt wiedergegebene Motiv lässt erst beim genauen Betrachten erahnen, welcher Ausschnitt der Natur abgelichtet wurde. Durchweg überzeugende Aufnahmen. Sie zeigen, dass es, wie schon die alten Meister wussten, die Natur ist, die wahre Schönheit schafft, weshalb die auch als größer Lehrmeister der Künstler gilt.

Wie Kappacher bei der Eröffnung der Ausstellung sagte, steht er jeden Morgen um 6 Uhr auf. Doch erst drei Stunden später, um 9 Uhr, beginnt er mit der Arbeit. Die Zeit dazwischen braucht er, um in einen Zustand des Freiseins und nicht Wollens zu finden, der für ihn eine notwendige Voraussetzung ist, damit ihm das Schreiben leicht von der Hand geht.

Am Nachmittag macht der Autor gerne einen Spaziergang. Um frische Luft zu schnappen und Energie zu tanken. Diese Energie holt er sich in und von der Natur, insbesondere vom besagten Grabensee. „Wenn die Intensität des Hinsehens einen gewissen Grad erreicht, erlebe ich manchmal, dass mir eine intensive Energie – durch die äußere Erscheinung – entgegenstrahlt“, sagt Kappacher. Er spricht von „Kraft“, die ihm die Natur schenke, er spricht sogar von „therapeutischer Wirkung“.

Mit einfacher Ausrüstung

Irgendwann fing Kappacher an, seine flüchtigen Eindrücke im Bild festzuhalten. Er fotografiert mit einer einfachen Digitalkamera. „Ich habe die Bedienungsanleitung der Kamera ausgedruckt. 150 Seiten, zu viel, um alles zu lesen“, erzählt er. Der Autor ist einmal mehr ein Beweis dafür, dass es in der Fotografie nicht in erster Linie auf die Beherrschung der Technik, auf das Handwerk ankommt, sondern vielmehr auf den genauen Blick. Auf die Fähigkeit, aus unserer gewöhnlichen Umwelt die interessanten Ausschnitte herauszufiltern.

Nur in der kalten Jahreszeit

Kappachers See-Aufnahmen sind durchweg in der kalten Jahreszeit gemacht worden. Und das weist auf eine andere Gesetzmäßigkeit in der Fotografie hin: Gerade jenes Wetter, das wir gemeinhin als schlecht bezeichnen, ermöglicht außergewöhnliche Aufnahme, außergewöhnlichere jedenfalls, als sie normalerweise bei hellem Sonnenlicht entstehen.

Das eine, das Schreiben, ist Kappachers Profession. Das andere, die Fotografie, betreibt der Autor eher nebenbei, so wie es Arno Schmidt getan hat, um einen anderen bedeutenden fotografierenden Schriftsteller zu nennen. Doch in beiden Metiers beweist Kappacher große Meisterschaft.

 

Literaturhaus Wien: „Schönheit des Vergehens“. Fotoarbeiten von Walter Kappacher, Seidengasse 13, 1070 Wien, bis 4. März 2011

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 5 /2011

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