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Foto: wikipedia
Novalis (1772–1801), eigentlich Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg, verdankte seiner Krankheit „Lebenskunst und Gemütsbildung“ (zeitgenössisches Gemälde).

Krankheit als Weg – Deutung und Bedeutung der Krankheitsbilder: Psychische und physische Leiden werden als Botschaften der Seele verstanden.

Foto: Martina Kerl 2010
 
Leben 2. Februar 2011

Dialektisch betrachtet

Gesundheit kann als Zustand auf einem Kontinuum betrachtet werden.

Gesundheit lässt sich als Moment in einem dialektischen Prozess auffassen, der sich auf einer kontinuierlichen Skala zwischen Gesundheit und Krankheit als den extremen Gegenpolen abspielt.

 

Das Konzept, dass nicht zwei, sondern drei Zustände zu berücksichtigen seien (gesund, krank sowie „ne-utrum“), wobei der neutrale Zwischenzustand sogar der häufigste sei, wurde zum ersten Mal von den alexandrinischen Ärzten Heróphilos (ca. 330–260 v. Chr.) und Erasístratos (ca. 330–250 v. Chr.) vertreten.

So gesehen könnte es nie eine absolute Gesundheit geben, und Krankheit hätte auch einen positiven, relativen bzw. pädagogischen Wert. Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) verdankte nach eigenen Worten seinen zahlreichen Krankheiten sehr viel und Novalis (1772–1801) nannte die Zeit seiner Krankheit „Lehrjahre der Lebenskunst und Gemütsbildung“.1 Meister Eckhart (1260–1328) nannte Krankheit die „via aurea“ zu wahrer Gesundheit, womit er Gesundheit in Gott meinte.

In Künstlerkreisen und bei Bohemiens vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts wurde Krankheit geradezu verherrlicht, weil sie sich positiv auf die Kreativität auswirke, die ja wiederum eine Art Gesundheit sei. Auch in der neueren Esoterik-Literatur wird Krankheit als Chance gesehen, zu einem spirituellen Wachstum und damit zu einer neuen Gesundheit zu gelangen.2

1 Novalis (1800) Fragment 190. In: Werke. Hrsg. von G Schulz (1981). 2. Aufl. C.H. Beck, München, S. 562 2 Dethlefson T, Dahlke R (2008) Krankheit als Weg. Bassermann, München

Der Autor ist am Institut für Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig.

Der Originalartikel ist erschienen in: Wiener Klinische Wochenschrift 2010; 122: 538–542, © Springer-Verlag Wien 2010

Von PD DDr. Josef M. Schmidt, Ärzte Woche 5 /2011

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