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Foto: wikipedia/Rei-artur
Ghana (früher: Goldküste) liegt in Westafrika zwischen den Staaten Elfenbeinküste, Togo und Burkina-Faso.
Foto: Archiv Pädiatrie und Pädologie

Dr. Michael Schmeja (links) und Prof. Dr. Ronald Kurz (rechts) mit Direktor Barimah Antwi beim Besuch des Rehabilitationszentrums in Offinso/Ghana.

Foto: Archiv Pädiatrie und Pädologie

Schüler des Rehabilitationszentrums in Offinso/Ghana beim Schusterei-Unterricht.

 
Leben 18. Jänner 2011

Besuch in Ghana

Visitation und Unterstützung eines Rehabilitationszentrums in Westafrika.

In der ghanaischen Stadt Offinso besteht seit 20 Jahren ein Rehabilitationszentrum für körperlich behinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, wo bisher rund 600 Personen betreut wurden. Es wurde von Barimah Antwi, der selbst seit einem Verkehrsunfall behindert ist, mit eigener Kraft aufgebaut. Er war aber immer auf Spender angewiesen, da es für Behinderte keine amtliche Unterstützung gibt.

 

Dem Rehabilitationszentrum von Offinso lag die Idee zugrunde, jungen Menschen zu helfen, die wegen ihrer Behinderung wenig Chancen auf schulische Bildung und eine berufliche Zukunft haben. Behinderung gilt, wie auch in Europa vor nicht allzu langer Zeit noch, als Makel oder Strafe Gottes. Daher werden diese Familienangehörige mehr oder weniger versteckt. In diesem Zentrum aber werden Menschen zwischen acht und 30 Jahren für drei Jahre stationär aufgenommen und zum Großteil kostenlos versorgt. Wer noch keinen Schulunterricht hatte, bekommt eine Grundbildung in Lesen, Schreiben und Rechnen, eine ethische und religiöse Erziehung zur Persönlichkeitsentwicklung und eine Berufsausbildung zum Schneider, Schuster oder Batiker. So haben sie nach Rückkehr in ihre Heimatgemeinden die Chance, sich selbstständig eine Lebensgrundlage zu schaffen. Eine Rehabilitation im europäischen Sinn ist noch nicht möglich, da es kein spezialisiertes Personal dafür gibt.

Hilfe zur Selbsthilfe

Der Vorschlag zur Unterstützung des Zentrums kam von der Physikotherapeutin Katharina Essl, die als Praktikantin ein halbes Jahr dort gearbeitet hatte. Mit ihr gemeinsam erstellte Direktor Antwi einen Plan für die Errichtung einer Plantage für Zitrus- und andere Früchte in der Größe von 20 Hektar, mit dem Ziel, die Grundbedürfnisse des Zentrums inklusive Vollversorgung der Behinderten abzudecken. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass nicht nur das Wissen über die nötigen Maßnahmen von Einheimischen kam, sondern auch die Planung und praktische Durchführung durch sie selbst realisiert werden konnte. Die finanziellen Mittel in der Höhe von Euro 20.000,- wurden von Rotary bereitgestellt, wobei der RC Graz-Neutor mit Spenden und einer Benefiz-Vernissage den Grundstock legte und der Rotary Distrikt 1910 sowie die internationale Rotary Foundation die Summe komplettierten. Damit konnte 2008 mit der Umsetzung begonnen werden.

Um uns vom Erfolg der Plantage zu überzeugen, persönlichen Kontakt zu Direktor Antwi, seinen Mitarbeitern und den Behinderten herzustellen und die Einrichtung kennenzulernen, beschlossen Dr. Michael Schmeja und ich als Proponenten des Unterstützungsprojekts, gemeinsam mit Katharina Essl dem Rehabilitationszentrum einen Besuch abzustatten.

Wir wurden sehr herzlich empfangen und in einfachen Gästezimmern mit Moskitonetzen untergebracht. Direktor Antwi offenbarte sich als geachtete Persönlichkeit, eine eindrucksvolle Erscheinung mit Charisma. Frau Antwi, eine fröhliche und liebenswerte Dame, die selbst eine NGO für Waise und Aids-Kranke leitet, versorgte uns mit pikanten einheimischen Speisen. Das sehr religiöse Ehepaar mit zehn zum Teil schon erwachsenen Kindern, vier davon adoptiert, steht um vier Uhr früh auf und engagiert sich nach umfangreichen Gebeten den ganzen Tag für bedürftige Mitmenschen.

Bei der Führung durch das Zentrum lernten wir die 60 Schülerinnen und Schüler kennen, die dort „Students“ genannt werden. Die Anlage umfasst einen großen Trakt für Schulung und Berufstraining, eine Einheit für Physiotherapie, zwei Häuser mit Schlafräumen, eine Gebäude mit einem großen Mehrzwecksaal, in dem Gottesdienste, Feiern und Versammlungen abgehalten werden, sowie zwei Wohn- und Gästeblocks mit dem Sekretariat. Daneben befinden sich Ställe, eine große überdachte offene Kochstelle und eine kleinere Plantage für Kochbananen und Gemüse. Zwischen den Gebäuden laufen Hühner, Ziegen und Schafe als „lebende Fleischkonserven“ herum. Die häuslichen Routinearbeiten, inklusive Kochdienst und Tierfütterung, werden von den Schülern selbst durchgeführt. Es herrschte eine fröhliche Stimmung. Hinter der ungeschriebenen Hausordnung war die organisatorische Kraft des Direktors Antwi spürbar.

Zuweisung zum Zentrum

Die Zuweisung zum Zentrum erfolgt meist durch die Familien oder durch Ärzte. Die Ursachen der Behinderungen sind Geburtstraumen, Poliomyelitis (ältere Fälle) und andere Infektionen, Malaria, häufig Unfälle und angeborene Myo- und Neuropathien. Die Behinderungen äußern sich als zum Teil schwere zerebrale und periphere Bewegungsstörungen. Wir sahen viele Arm- und Beinamputierte. Die Versorgung erfolgt mit Krücken oder einfachen Prothesen und Rollstühlen. Kinder mit vorwiegend geistigen Behinderungen konnten wir in einem anderen Heim besuchen, das von einer Schwester des Direktors Antwi geleitet wird.

Die medizinische Versorgung erfolgt im Notfall durch das nahegelegene Kreiskrankenhaus. Einfache Krankheiten werden mit Naturheilmitteln ohne Arzt versorgt. Auf eine gesunde und hygienische Lebensweise wird sehr geachtet. Bei unserem Besuch gab es einwandfreies Trinkwasser aus Plastikbeuteln oder Flaschen. Die übrige Wasserversorgung wurde durch zwei mit Grundwasser versorgten erhöhten Wasserreservoirs gewährleistet.

Das Berufstraining für das Schneider-, Schuster- und Batiker-Handwerk wird von Lehrern geleitet, die zum Teil selbst behindert sind. Die „Students“ tragen eine schulspezifische Kleidung, die sie selbst hergestellt haben. Wir konnten eine sehr große Ernsthaftigkeit und Konzentration beim Arbeiten beobachten und staunten, wie geschickt selbst Amputierte mit Nähmaschinen und Schusterhandwerk umgingen. Manche Schüler zeigten künstlerische Begabungen, z. B. bei Batik-Entwürfen. Es gibt einen strengen Verhaltenskodex für die Schüler, dessen Missachtung den Ausschluss bedeutet. Nach Beendigung der Lehrzeit unterstützt das Zentrum den beruflichen Start in der Heimatgemeinde.

Mitten im Regenwald befindet sich ein 20 Hektar großes Areal, auf dem meterhohe Bananenstauden („Plantanes“) stehen. Während unserer Besichtigung ernteten Mitarbeiter des Zentrums mit großen Macheten die Früchte, woran sich zu unserem Erstaunen auch erwachsene Behinderte sehr geschickt beteiligten. Kochbananen und Manyok sind das Grundnahrungsmittel der Schüler. Dazwischen wuchsen Kakao-Bäume, Papaja-Bäume, Zuckerrohr, Palmen mit Trauben von Nüssen und andere tropische Fruchtpflanzen. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass diese Stauden und Bäume innerhalb eines Jahres meterhoch emporgeschossen waren und über das ganze Jahr geerntet werden konnten, womit nun die Nahrungsversorgung für das ganze Zentrum gesichert ist. Das Besondere der Plantage ist jedoch die Pflanzung von Orangenbäumen, die nach zwei bis drei Jahren durch Verkauf der Früchte in den weniger fruchtbaren Norden des Landes wesentlich mehr Ertrag für den weiteren Ausbau des Zentrums bringen werden.

Die Rückfahrt in dem mit Menschen und Früchten voll beladenen Lastwagen auf dem durch die Regenzeit löchrig gewordenen Buschpfaden war ein echtes Abenteuer. Dieser beeindruckende Besuch überzeugte uns, dass Direktor Antwi nicht nur ein exzellenter Organisator, sondern auch ein großer Agrarexperte ist, immerhin hatte er von seinem Landkreis die Auszeichnung „Bester Farmer“ erhalten.

Land und Leute

Um Land und Leute besser kennen zu lernen, wurden wir auch in die regionale Hauptstadt Kumasi begleitet, besuchten dort den Rotarischen Partnerclub, ein Gymnasium, das Museum über die Geschichte der Ashanti-Könige dieser Region und tauchten in den Wirbel von Menschen und Autos ein. Die meisten Ghanaer sind große, fröhliche und selbstbewusste Menschen. Trotz der dichten Menschenmassen und der mancherorts offensichtlichen Armut war das Verhalten durchwegs menschenfreundlich und ohne Aggressionen. Der unglaublich dichte Autoverkehr ordnet sich mehr oder weniger im Reißverschlussverfahren. Im stockenden Verkehr bieten Straßenverkäufer ihre Waren an, die sie auf dem Kopf tragen.

Der technische Fortschritt des Landes zeigte sich uns in der Vielzahl moderner Handys. Die Energiegewinnung mit Hilfe des riesigen Volta-Stausees dient vor allem der Aluminiumindustrie. Die zahllosen Antennen an langen Holzstangen weisen auf viele Fernsehgeräte, auch in den ärmlichsten Hütten, hin.

Eine „Busch-Ambulanz“, das Outside Patient Department Ntobroso, eine Außenstelle des Krankenhauses Offinso, fand unser besonderes Interesse. Es wird von der deutschen Kinderchirurgin Dr. Britta Budde-Shwarzmann und dem Neuropsychiater Dr. Ori Shwarzmann betreut. Die Stunden in der Buschambulanz hinterließen einen tiefen Eindruck. Wir sahen nicht nur eine Vielzahl akuter Krankheiten bei kleinen Kindern, z. B. schwere Malaria, septischen Typhus, Tropenkrankheiten mit Hepato-Splenomegalie, aber auch Schilddrüsenerkrankungen und schwere Psychopathien bei Erwachsenen. Spannend war die Einführung einer Mutter-Kind-Pass-Untersuchung und einer Krankenkasse für arme Menschen. Um teure Krankheiten wie Krebs, Leukämie oder Aids kümmern sich NGOs. Nur Impfungen werden bedarfsgerecht vom Staat übernommen.

Ein besonderes Erlebnis war ein dreistündiger Sonntagsgottesdienst nach dem Ritus der Glaubensgemeinschaft der Pentacost („charismatische Pfingstgemeinde“), der uns wegen der tiefen Andacht mit enthusiastischen Gebeten, Tanz und Trommeln berührte. Zum Abschied wurde eine tolle Party veranstaltet, bei der alle Schüler und Angehörige des Zentrums mitfeierten. Dabei erfolgte die offizielle Unterzeichnung des Dokuments zur Beendigung des Matching-Grant-Projekts. Wir waren glücklich, dass Ziel und Zweck unserer Reise zum Nutzen des Rehabilitationszentrums erfüllt werden konnten.

 

Em. Prof. Dr. Ronald Kurz war bis 2003 Leiter der Klinischen Abteilung für allgemeine Pädiatrie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz.

Von Em. Prof. Dr. Ronald Kurz, Ärzte Woche 3/2011

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